Sparen wir uns die Einleitung.
Es ist jetzt schon das dritte Mal, dass ich Scheiblettenkäse für meine Artikel-Recherchezwecke kaufen musste. Päckchen Nummer 1, 2 und 2,5 wurden in meiner Abwesenheit gefunden und vom Nachwuchs zeitgleich mit dem Vorgang des Findens verspeist, obwohl ich das Recherchematerial im Schrank zwischen denkbar unterinteressanten Sachen platziert habe. Und ja, nicht in Augenhöhe.
Mit dem dritten Päckchen in der Hand löcherten sie mich, wie es zu einer derartigen moralischen Entgleisung meinerseits kommen konnte, solch ein Produkt jetzt dauernd zu kaufen. Dann schlaumeierten sie auswendig meinen eigenen flammenden Vortrag zum Thema böser Käse: Da sei vielleicht gar kein Käse drin. Das seien nur Farbstoffe,, Verdickungsmittel und Phosphat und daran stürbe man bälder als gewünscht. Es sei eine Schande, dass jede Scheibe einzeln eingepackt sei. Der Käse sehe mit Verpackung genau gleich aus wie ohne und das solle einen doch stutzig machen. Überhaupt sei doch jedem klar, dass alles, was die Wortendung „etten“ hat, nichts Gutes sein könne. Sie sollten sich schämen und so weiter. Am Ende zeichneten sie augenbrauenhebenderweise mit vier gestreckt/gebeugten Fingern Anführungszeichen an meine „Recherchezwecke“.
Die zweite Hälfte der dritten Packung habe ich danach so gut versteckt, dass ich sie nur durch Zufall wiedergefunden habe.
Lieber Plastikäse, machs gut. Bist kreuz und quer durch die Welt gereist, bis du in meinem Schrank an einer schlecht einsehbaren Stelle ein Zuhause gefunden hast. Dein letzter Weg führt nun – gemäß deiner ureigenen Bestimmung – durch die Gedärme meiner Kinder. Deine unverdaulichen Überreste übergeben wir dem Ozean.
Tss, die Jugend. Als ich so jung war, gabs Umwelt auch schon. Das hieß noch nicht Nachhaltigkeit, sondern Umweltdiesunddas. Ich kann mich noch erinnern, dass in einem Artikel in der Bravo oder so die Frage gestellt wurde, was man als Einzelner für die Umwelt tun kann. Es wurden praktische Beispiele aus dem Alltag gebracht – an eins kann ich mich nachhaltig erinnern. Man sollte zum Beispiel nur zwei Blätter Klopapier pro Sitzung benutzen. Okeee … da muss man schon eine ganz ausgefuchste Falttechnik haben, damit man wenigstens dreimal wischen kann.
Heutzutage gibt es ohnehin andere Wischtechniken. Nicht mehr von vorne nach hinten, sondern von unten nach oben und zwar schon lange bevor es hinten was zu wischen gibt. Denn ohne Smartphone geht man heute nicht mehr auf den Topf. Entschuldigung, ich würde die Behauptung gerne noch präzisieren und das fehlende n in dem Satz nach reichen. Ohne Smartphone geht Mann nicht mehr auf das Klosett, sein Refugium aus Villeroy und Boch. Seine Insel der Glückseligkeit. Ein Place to be nur für me. Ja, wo ist er denn? Er kann gerade nicht, er ist kacken. Wann ist er fertig? Kann man nicht so genau sagen, wahrscheinlich, wenn das Internet leer ist und/oder ihm die Beine eingeschlafen sind.
Das sollte er sich mal auf Arbeit erlauben: Schön, dass alle so spontan die Zeit für unseren Online-Kick-off gefunden haben. Bevor wir mit der Vorstellungsrunde beginnen, kurz eine Info, die uns gerade per Mail aus der Herrentoilette erreicht hat. Herr Müller lässt Grüße ausrichten. Er muss erst noch die Staffel zu Ende schauen, bis der Schließmuskel wieder funktioniert. Wir holen ihn dann beim Rebriefing wieder ins Boot.
Wenn man sich überlegt, wie viel Zeit und CO2 gespart werden könnte, wenn auf dem stillen Örtchen wieder die Regeln der Achtsamkeit gelten würden. Fliesenfugen zählen, den Tag Revue passieren lassen und Rosettenyoga. Das wäre superfad und in faszinierend gleichem Maße supergut für die Umwelt. Und das ist der Punkt. Das ganze Umweltgedöns stört einfach unser hedonistisches Lebensmodell.
Und Scheiblettenkäse ist quadratisch verpacktes Dopamin. Das Käsefolieabziehen ist ein ähnlich schönes Erlebnis wie Folieabziehen beim neuen iPhone. Will jemand darauf verzichten? Selbstverständlich eher nicht. Na gut. Wenn jeder an sich denkt, ist ja an alle gedacht. Worum gehts nochmal? Um die These, dass Scheißblettenkäse gut für die Umwelt ist: Ich habe nach guten Argumenten im Web recherchiert und gleich mal nichts gefunden. Aha, da haben wirs doch.
Es ist nichts zu finden. Trotzdem kennt jeder Scheiblettenkäse. Seit 1956. Die Reklameleute haben es damals auch echt richtig einfach gehabt: ein Produkt mit Alleinstellungsmerkmal und klarem Nutzen für den Verbraucher. Der Hersteller konnte schließlich glaubhaft vermitteln, dass Toast Hawaii aus der modernen Küche nicht wegzudenken ist und nur, also wirklich ausschließlich nur Scheiblettenkäse unter Hitzeeinwirkung in der Lage ist, quadratisch und formschön zu schmelzen. Im Reklamebüro indes qualmten die Köpfe und eine Stange Reval ohne Filter ob der schwierigen Aufgabe, für das Ding einen Namen zu finden. Neben dem zentnerschweren Aschenbecher, der in der Tischmitte stand, stapelte sich die gelbe Quadratur des Käses – geduldig auf einen Namen wartend.
Scheibletten! rief dann der Horst. Scheib-wat? Scheiiiib-letten!! So soll dat heißen! Giselaaa, hol den Fernet, wir habens. Seitdem ist sozusagen werblicherseits nicht mehr viel passiert. Kein Relaunch, keine neue Kampagne, keine Prerolls, keine Social Ads, keine Online-Meetings mit oder ohne Herrn Müller. Keine 147 Leute, die ein Jahr darüber nachdenken, ob man einen Vermerk auf die Verpackung drucken sollte, dass für jede Plastikäsescheibe ein neuer Fisch in den Ozean geworfen wird. Keine Terabyte Filmmaterial von hawaiitoastrevivaleuphorischen Hipstern in Hoch und Quer, die zehn Jahre den Server der Agentur verstopfen, keine Flyerchens für den Mülleimer. Nichts. Nicht einen Hauch von Mühe geben sie sich, das Produkt erfolgreich am Markt zu halten. Ich weiß nicht mal, ob es den original Scheiblettenkäse überhaupt noch gibt. Ist auch egal, weil sein Name sicher noch die eigene Verpackung überlebt. Und der Name ärgert auch die Konkurrenz. Denn der dumme Kunde nennt seit Jahrzehnten einfach jeden quadratischen Käse Scheiblette. Marketingtechnisch ist das für die anderen Schmelzkäseprodukte der Supergauda.
Was lernen wir: Mit Käse kann man raffinierte Wortwitze machen. Zweitens: Ein pfiffiger Name wirkt mehr als tausend Mailings und spart 70 Jahre Werbemüll. Oha, wenn das nicht nachhaltig ist! Da sollten sich andere Unternehmen mal eine Scheiblette von abschneiden.