Die Leiden beim Entscheiden
Nun ist so ein Entscheider auch nur ein Mensch, doch leider ist der sehr schwer zu fassen. Man stützt sich oft gelassen auf die Persona-PowerPoint, die allzu oft ein Meeting joint. Er handelt rational und wägt gar sauber ab. Doch wer kennt seine Qual, die hält ihn wohl auf Trab fernab von harten Fakten? So hört ihm zu, dem Nackten!
Not macht erfinderisch, sagt ein bekanntes Sprichwort. Und in der Tat: Am Anfang einer Innovation steht oft der Ärger über den Status quo. Um eine Veränderung zum Besseren herbeizuführen, braucht es die richtigen Insights – bestimmte Erkenntnisse und Annahmen, die den Weg für eine neue Erfindung frei machen. Bei der Lösungsfindung steht manchmal Kollege Zufall Pate, oft steckt aber auch aufwändige Forschungs- und Entwicklungsarbeit dahinter.
Dysons Insight: Bei herkömmlichen Staubsaugern nimmt die Saugleistung mit zunehmendem Füllstand und damit einhergehender Verstopfung des Staubbeutels ab. Und er denkt, das dürfte auch viele andere Putzteufel nerven.
Die Lösung: In einer Sägemühle lernte Dyson das Prinzip des Fliehkraftabscheiders kennen, bei dem Luft in eine Drehbewegung mit hoher Geschwindigkeit versetzt wird. Im Dyson Staubsauger fliehen die Schmutzpartikel durch Zentrifugalwirkung nach außen und werden dort in einem Behälter gefangen gehalten – ohne dass die Saugkraft auf der Strecke bleibt.
Bis zum serienreifen Modell brauchte Dyson jedoch 15 Jahre und tausende von Versuchsmodellen – er musste also im wahrsten Sinne des Wortes viel Staub aufwirbeln – und vermutlich auch fressen –, bis seine Erfindung ein kommerzieller Erfolg wurde.
Melittas Insight: „Mit meiner Meinung bin ich sicher nicht alleine. Deshalb soll die Welt nicht länger mit der beschissen schmeckenden Plörre abgespeist werden.“ Eine Lösung musste her: Wenn man die Brühe durch Löschpapier oder Stoff gießt, „macht Melitta Kaffee zum Genuss“, wie es der berühmte Melitta-Mann viel später in Werbespots der 1990er Jahre postulierte. Auch bei Melitta dauerte es allerdings Jahre, bis aus einer improvisierten Wohnzimmer-Manufaktur ein Weltunternehmen wurde.
Übrigens: Melittas Urenkel im Geiste heißen Julian Reitze und Stefan Zender und kommen aus Stuttgart. Und weil Nespresso der neue Filterkaffee ist, haben sie sich eines Ärgernisses angenommen, das über dem postmodernen Konsumgut schwebt wie eine dunkle Cloud. Ihr Insight: Aufgrund seiner nicht recycelbaren Kapseln ist diese Methode der Kaffeezubereitung umweltpolitisch mega unkorrekt und den sich schnell vermehrenden Gretas und Carolas dieser Welt nicht mehr zu vermitteln. Also erfanden die beiden Stuttgarter Saubermänner unter dem Label Rezemo Kapseln, die aus dem Abfallprodukt Holzspäne hergestellt werden und zu 100 % recycelbar sind. Und eroberten damit im Oldschool-Medium TV die Herzen von Maschmeyer, Thelen und Co. im Sturm.
Ubers Insight: Täglich ärgern sich Millionen von Menschen darüber, dass sie zu viel Zeit und Energie damit verbringen, einen Ride zu bekommen. Das Aufkommen einer neuen Technologie, die der Menschheit Smartphones und Apps schenkte, einhergehend mit dem zunehmenden Wunsch nach On-Demand-Services, befeuerte Ubers Idee „Tap a button, get a ride“. Heute bietet Uber ein ganzes Bündel an Dienstleistungen rund um diesen Insight – von Taxidiensten und Carpooling über Essens- und Frachtlieferung bis hin zum
E-Bike- und Scooter-Verleih.
Werfen wir noch einen Blick auf Innovationen im B2B-Sektor. Zum Beispiel die Erfindung der handgeführten Bohrmaschine durch das Stuttgarter Unternehmen Fein im Jahr 1895. Aus der Not geboren, eine schnellere Lösung zu finden, um hunderte von Löchern in Stahl zu bohren, hatten zwei junge Mechaniker die Idee, ein Bohrfutter auf die Spindel eines der damals neuen, kleinen Elektromotoren zu montieren. Der Insight des Firmengründers Emil Fein: Da steckt Potenzial für ein gutes Geschäft drin. Denn er weiß, dass Schnelligkeit ein wesentlicher Erfolgsfaktor in der industriellen Fertigung ist. Also entwickelte er, basierend auf der Idee seiner Mitarbeiter, die weltweit erste handgeführte Bohrmaschine, die bis heute aus Handwerk und Industrie nicht mehr wegzudenken ist – und auch aus kaum einem Privathaushalt.
Wie kommt eigentlich die Kunststoffhülle an einen elektronischen Stecker? Die Antwort: mittels einer Kunststoffspritzgießmaschine. Im Jahr 1954 entwickelte Karl Hehl im schönen Schwarzwaldstädtchen Loßburg die erste kleine Maschine ihrer Art. Sein Pain in the Ass: Die von ihm und seinem Bruder Eugen hergestellten und vertriebenen Blitzlampen für Fotoapparate erlitten Kurzschlüsse, was zu einer Flut an Reklamationen führte. Ihr Insight: Dieses Problem dürfte auch bei anderen Anwendungen auftreten und geschäftsschädigend wirken. Ihre Lösung: eine Hülle aus Kunststoff, die Kriechströme verhindert. Heute ist ARBURG, das Unternehmen der beiden Brüder, ein Weltmarktführer mit 3.000 Mitarbeitern, das weltweit Hightech-Spritzgießmaschinen für alle Schlüsselindustrien vertreibt – nach wie vor allesamt entwickelt und produziert in Loßburg.
Natürlich wurde im Olymp der genialen Erfinder nicht alles zu Gold, was anfänglich noch glänzte. Im schwedischen „Museum des Scheiterns“ können die Flops der verhinderten Daniel Düsentriebs bewundert werden: Von Sonys Minidisc über die Datenbrille Google Glass bis hin zum Segway – allen blieb der Durchbruch und damit der kommerzielle Erfolg versagt. In den meisten Fällen lag der Grund in falschen Insights, nämlich der Annahme, diese Produkte würden die Needs einer breiten Masse bedienen.
Welches aber sind die Faktoren, die wesentlichen Einfluss darauf haben, ob eine Innovation durch die Decke geht – oder halt abkackt? Der Zeit-Autor Ulrich Schnabel führt in seinem Beitrag „So kommt das Neue in die Welt“ (Ausgabe vom 12.09.2019) drei davon ins Feld:
„Erstens: Eine gute Idee reicht nicht. Damit Neues entsteht, bedarf es auch eines Umfeldes, das die Entwicklung begünstigt (…) Eine bestimmte Technik bildet mit gesellschaftlichen Vorstellungen, menschlichen Gewohnheiten und politischen Regeln ein ,Regime‘. Und große Innovationen führen zu
einem Regimewechsel.“ Kurzer Zwischenruf: siehe Dyson, siehe Melitta, siehe Uber.
„Daraus folgt zum Zweiten, dass wir an der Zukunft alle beteiligt sind. Egal, was sich Ingenieure, Forscher und Visionäre auch ausdenken. Trifft ihre Idee nicht auf gesellschaftliche Resonanz, ist sie zum Scheitern verurteilt. (…) Innovative Verhaltensweisen gehen in der Regel von kleinen, entschlossenen Gruppen aus,
die andere Gruppen mitreißen. Deshalb entsteht Zukunft (…) eher disruptiv, durch sprunghafte Veränderung.“ Weiterer Einwurf: Wer will schon von seiner Brille bevormundet werden?
Zum Dritten „ist die Frage nach der Zukunft keine technische, sondern vor allem eine psychologische. Paradoxerweise ist Wandel umso schwieriger, je wohlhabender und erfolgreicher ein Land bisher war.“ (Dritter Einwurf: Hallo Deutschland!) „Denn ins Leere zu springen fällt umso schwerer, je mehr man zurücklassen muss. (…) Dabei bieten gerade unsichere Zeiten das größte Potenzial zur Entwicklung neuer Ideen und Visionen.“
Genug der Theorie! Lass uns lieber noch eine verblüffende, auf Insights basierende Innovationen ansehen:
Dass nämlich ausgerechnet ein französischer Koch und Konditor, Nicolas Appert mit Namen, die Konserve erfand, ist ein Treppenwitz der Gourmet-Geschichte. Auslöser war ein Wettbewerb, den kein Geringerer als Napoleon Bonaparte ausgeschrieben hatte, um ein Verfahren zu finden, mit dem man Nahrungsmittel für seine Armee haltbar machen konnte. Napoleons Insight: Nur mit gut genährten Truppen gewinnt man auch Schlachten. Nach langwierigen Tests in seiner Hexenküche kam Appert zu dem Ergebnis, dass man durch Erhitzen und Sauerstoffentzug nahezu alle Lebensmittel für lange Zeit haltbar machen konnte. Für Napoleons Soldaten gab es fürderhin keine Ausrede mehr, Kriege nicht zu gewinnen.
Und zum schlechten Schluss: Dass die Luftpumpe in Magdeburg, der ehemaligen Wirkungsstätte des
Ex-AFD-Politikers und Rechts-Rechtsaußens André Poggenburg, erfunden wurde, lasse ich einfach mal unkommentiert stehen.
Auf ein Neues!