Zukunftsphilosophie mit Anders Indset

Anders Indset

ist einer der global führenden Wirtschaftsphilosophen und eröffnet eine neue Sichtweise auf die „Kunst des Denkens“. Durch die Verbindung der Philosophie der Vergangenheit mit der Technologie und Wissenschaft von morgen zeigt er Führungskräften auf, wie sie erfolgreich durch das 21. Jahrhundert navigieren können. Anhand seiner zehn Postulate des Wandels veranschaulicht er, wie wir mit unserer schnelllebigen Zeit umgehen können.

Denken gegen die digitale Angst

Facebook will Gedankenlesen lernen — als ich das erfahren habe, fing ich automatisch an, über die Zukunft nachzudenken. Für mich führte das zu mehr Insights, mehr Überwachung und noch weniger Privatsphäre. Für meinen Gesprächspartner war es ein Anstoß umzudenken. Am Ende siegte – zum Glück – die Vernunft.

Stellen Sie sich vor, ein weltweit operierendes Technologieunternehmen hat direkten Zugriff auf unsere Gedanken. An was denken Sie? Ich muss gestehen, ich hatte kein positives Bild von der Zukunft, die uns dabei erwartet. Überall lese ich von Datenskandalen, Fake News und Manipulation.
Wie soll es dann erst werden, wenn Facebook nicht nur Zugriff auf unseren Geburtstag und unsere Likes, sondern auch auf unsere Gedanken hat? Unweigerlich hatte ich das Gefühl, abgehört zu werden. Ist es wirklich so schlimm, wie ich es mir ausmale? Und wenn ja, wie gehen wir dann mit dieser Entwicklung um?
Um das herauszufinden, habe ich mich mit Anders Indset unterhalten. Als einer der weltweit führenden Wirtschaftsphilosophen und vertrauter Sparringspartner für internationale CEOs und politische Führungskräfte setzt er sich regelmäßig mit Zukunftsszenarien wie diesem auseinander. Mit seinem Ansatz zur praktischen Philosophie zeigt er dabei auf, wie wir mit dem durch exponentielle Technologien herbeigeführten Wandel umgehen können.

Das Gedankenlesen als solches ist in meinen Augen aber noch weit entfernt.

Herr Indset, es gibt ein Thema, das mich die letzten Tage sehr zum Nachdenken gebracht hat: Bis jetzt noch reine Zukunftsvision, aber Facebook und auch Elon Musks Unternehmen Neuralink forschen aktuell an einer Technologie, die es ihnen ermöglichen könnte, Gedanken zu lesen. Welche Implikationen hätte das aus Ihrer Sicht für die Gesellschaft?

DO

Also ich kenne die Gehirn-Applikations-Entwicklung von Facebook überhaupt nicht oder wenn, dann zu wenig. Bei Elon Musk mit ­Neuralink geht es um eine direkte Integration in unser Gehirn. Dabei ist ein Chip implantiert, der eine Anbindung des Gehirns an eine Cloud-Lösung oder einen Algorithmus ermöglicht. Das ist natürlich ein sehr radikaler Eingriff in das Menschsein, wobei eine Art Super­intelligenz entstehen würde. Die Frage, die wir uns dabei stellen ­müssen, ist folgende: Wollen wir eine externe Superintelligenz ent­wickeln, die wir Menschen nicht verstehen, oder wollen wir mit der Technologie verschmelzen und vielleicht trotzdem auf dem Weg ­erkennen, dass das keine gute Lösung ist? Beides hätte große Aus­wirkungen auf unser Leben. Das Gedankenlesen als solches ist in ­meinen Augen aber noch weit entfernt.

AI

Wie kann man sich diese Anbindung unseres Gehirns an das Internet dann vorstellen und für was wird sie genutzt?

DO

Im Fall von Neuralink geht es jetzt erst mal um die kommerzielle ­Nutzung für die Bekämpfung von Krankheiten wie Alzheimer und Demenz. Es soll uns ermöglichen, beispielsweise einen Einblick in Schlaganfälle zu gewinnen. Das funktioniert, indem wir einzelne Neuronen und neuronale Netze aktivieren oder supplementieren. ­Vorstellen kann man sich das wie eine Gehirn-App, mit der wir zu­sätzliche Funktionalitäten für unser Gehirn herunterladen können. ­Unsere eigenen Gedanken, die auf Sinneserfahrungen und Erleb­nissen ­basieren, werden dann mit digitalen Informationen ergänzt oder ausgewertet.

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Um nochmal auf Facebook zurückzukommen: Das Unternehmen arbeitet seit einigen Jahren daran, Gehirnsignale direkt in Schrift umzuwandeln. Sprachdecoder, die außen am Kopf angebracht werden, sollen die Signale übersetzen, die dann später online als Textnachricht verschickt werden können. Auch Facebook gibt dabei an, mit seiner Vision vor allem erkrankten Menschen helfen zu wollen.
Sind einmal die Gedanken übersetzt, stelle ich mir dennoch die Frage, ob ein Werbeunternehmen, das mit den personenbezogenen Daten seiner ­Nutzerinnen und Nutzer Geld verdient, nicht auch irgendwann die Ver­bindung zu unserem Gehirn für eine bessere Zielgruppen-Analyse nutzt. Halten Sie das nicht für möglich?

DO

Wenn es darum geht, unser gesamtes Gehirn, unsere Gedanken auszulesen, wird es erst einmal sehr schwer sein, das überhaupt zu er­reichen. Dafür müssen wir verstehen, wie unser Gehirn funktioniert. Wir wissen aus den Neurowissenschaften, dass die Neuronen an­fangen zu feuern und das dann wahrgenommen wird. Das heißt, es passiert etwas in Sachen Bewusstsein oder zwischen Körper und Gehirn, was wir heute noch nicht greifen können. Wenn die Technologie aber irgendwann einmal wirklich so weit sein sollte, die 83 Milliarden Neuronen und all ihre Signale, die in den neuralen Netzen versendet werden, an einen Supercomputer anbinden zu können, dann würde ich mir ernsthafte Gedanken machen. Das hätte für die Menschen ganz andere Implikationen. Die Frage am Ende des Tages wäre dann: Haben wir noch ein Bewusstsein? Gibt es dann überhaupt noch eine subjektive Wahrnehmung? Oder sind wir dann alle Reaktions­zombies? Und wenn wir das Zweite sind, also ein Homo obsoletus, der überflüssige Mensch, dann spielt es auch keine Rolle, ob uns dabei ­jemand beobachtet oder nicht. Also Sie sehen, das sind dann ganz ­andere Probleme.
Aber mal abgesehen davon sind wir heute schon gläsern und werden überall ausgewertet. Jedes Smartphone schickt tausende von ­Signalen, ­Facebook sammelt immer mehr Daten, auch über die Plattformen ­Instagram und WhatsApp, und all das wird ausgewertet. Aber manche Entwicklungen dienen uns ja auch. Im Endeffekt schadet es uns ja nicht, dass uns beispielsweise Produkte angeboten werden, die wir brauchen, bevor wir sie brauchen. Für mich ist das vielmehr eine ­Befähigung oder Verbesserung. Es gibt meiner Meinung nach eben immer zwei Seiten. Jedenfalls hat diese Reise schon begonnen.

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Die Frage am Ende des Tages wäre dann: Haben wir noch ein Bewusstsein? Gibt es dann überhaupt noch eine subjektive Wahrnehmung? Das ist auch der Grund, warum viele nach wie vor versuchen, an den alten Theorien und Modellen aus der Wirtschaft festzuhalten. Doch die Welt ist nicht mehr so, wie es diese Theorien widerspiegeln.

Gibt es einen Weg, diese Auswirkungen, die exponentielle Technologien, wie beispielsweise Gehirnapplikationen, haben könnten, zu regulieren?

DO

Ich glaube, dass es geht, aber nur global. Zunächst brauchen wir ­definitiv mehr Verständnis und viel mehr Dialog. Aber auch eine ­emotionale Reaktion auf diese Technologien würde helfen. Ähnlich wie beim Thema Atomwaffen, denn zu denen haben wir bereits einen emotionalen Bezug und das hilft uns auch enorm mit dem Thema umzugehen. Es verhindert, dass jemand auf die Idee kommt, auf den Knopf zu drücken. Das war damals bei Gorbatschow so und das ist heute immer noch so, weil wir eben die Konsequenzen kennen. Auf Themen wie künstliche Intelligenz oder Nano- und Biotechnologien reagieren wir noch nicht emotional. Das ist für uns Menschen einfach noch viel zu weit weg und zu unrealistisch. Also haben wir uns dazu noch kein Bild gemacht und machen uns auch noch keine Gedanken über die Konsequenzen, die ihr Einsatz haben könnte. ­Dieses Verständnis und dieses emotionale Bild müssten erst noch ­geschaffen werden.

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Ist die Verbindung von Wirtschaft und Philosophie für Sie deshalb so ­wichtig? Um Verständnis zu schaffen?

DO

Genau. Heute dreht sich vieles um das Verständnis komplexer Zu­sammenhänge.
Die Unternehmen sind auf der Suche nach Antworten. Das ist auch der Grund, warum viele nach wie vor versuchen, an den alten Theorien und Modellen aus der Wirtschaft festzuhalten. Doch die Welt ist nicht mehr so, wie es diese Theorien widerspiegeln. Wir ­erleben eine Quantenrealität und können noch nicht ganz greifen, wie die Welt im Kern funktioniert. In meinen Augen sind es deshalb vor ­allem die Unternehmer und Führungskräfte, die deshalb ein ­Verständnis für die philosophische Kontemplation gewinnen sollten. Denn letzten Endes geht es heutzutage um Führung und darum, Sachverhalte zu hinterfragen. Und dieses Hinterfragen, das Auf-den-Kopf-Stellen und Aus-anderen-Perspektiven-Beleuchten, ist ein großer Bestandteil der Philosophie.

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QUANTENWIRTSCHAFT

Auch in seinem neuesten Buch beschäftigt sich Anders Indset mit der Zukunft und zeigt anhand dreier konkreter Szenarien, was uns nach der Digitalisierung erwarten könnte. Über die Grundzüge einer neuen Wirtschaft und die philosophische Kontemplation als Weg dahin.

Keep calm and contemplate

Ich fühlte mich ertappt. Meine Vorstellung von Facebook als eine Art Big Brother glich eher einem panischen Gedankenstrudel als einer differenzierten Betrachtung kommender Ereignisse. Von philosophischem Verständnis keine Spur. Mein Gehirn setzte bei der Vorstellung eines gedankenlesenden Technologiekonzerns wohl einfach aus.
Vom Philosophen hingegen lernte ich zwei elementare Dinge. Zum einen, dass wir genau das tun sollten, was ich tat. Wir sollten anfangen, uns Gedanken über die Zukunft zu machen. Zum anderen sollten wir es mit Vernunft tun. Mein Bild von der Zukunft war geprägt von digitalen Ängsten, die heutzutage viele teilen. Der Grund: Wir wissen zu wenig über die neuen Technologien Bescheid, die unsere Welt in zunehmend kürzeren Abständen verändern. Immer mehr tendieren wir deshalb auch bei Debatten zur Radikalität, viel zu oft sind unsere Ansichten nur schwarz-weiß. Vernünftig ist das jedoch nicht. Umso wichtiger ist es, besonders in unserem rasant getakteten Informationszeitalter, besonnen zu bleiben. Sich ganz philosophisch einzugestehen „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ und sich dann mit ruhigem Geist daran zu machen, dies jeden Tag vielleicht ein wenig mehr zu ändern.

Autorin
Diana Olbrich

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