Absinth, Amarone und AI

Marke People Data & Tech Lifestyle
31.07.2023

Prompt verkackt!

Jetzt geht alles ganz schnell. Das Ding lernt in Lichtgeschwindigkeit dazu. Wird immer perfekter. Zwingt uns zum Nach- und Umdenken. In vielerlei Hinsicht – ethisch, moralisch, intellektuell, rechtlich, politisch, gesellschaftlich, wirtschaftlich, global. In vielen Branchen. In vielen Berufen – einschließlich meinem (Texter). In allen Altersgruppen – vom Kita-Balg bis zum Malle-Rentner. Ersetzt vieles, an das wir uns über Jahre gewöhnt haben: Fotos bekomme ich vom iPhone, von einem Fotografen oder bei Getty. Doktorarbeiten schreibe ich selbst – oder ab. Juristische Prüfungen macht ein gewiefter Anwalt an seinem Mahagonischreibtisch in Top-Citylage. Diagnosen stellt mein Arzt, der mich schon seit 20 Jahren kennt und daher weiß, dass ich eingefleischter Hypochonder bin. Kunst wird von Malern und Bildhauern in ehemaligen Fabrikhallen mit rosa gestrichenen T-Trägern kreiert. Liebesbriefe schreibe ich mit dem Montblanc-Füller, den mein Patenonkel mir zur Konfirmation geschenkt hat (anstatt Kohle, der Ignorant), oder mit meinem besten Freund, weil der Literaturwissenschaften studiert hat (und jetzt erfolgreich einen Sushi-Laden in Bahnhofsnähe betreibt). Das Buch, das ich lese, hat ein Gauloises- kettenrauchender und Absinth-abhängiger Franzose mit schütterem Zauselbart in nur acht Jahren geschrieben. Die Zeitenwende-Ansprache des Kanzlers wurde in der Nacht davor von einem aus unseren Steuergeldern überbezahlten Redenschreiber unter dem Einfluss einer Flasche Amarone verfasst.

Das alles wird morgen schon eine verblassende Erinnerung an vorgestern sein!

Das Ding beginnt mich zu nerven

Ich fragte mich: Hätte das Ding diesen Lead-in auch so schreiben können? Prompt: “Write an introduction for an article about the fast development of AI in the style of genius Ekke Haug.” Et voilà:
 
„The emergence of artificial intelligence (AI) as a game-changing technology is not a recent phenomenon, yet the pace of its development in recent years has been nothing short of astonishing. From AlphaGo’s historic defeat of a human champion to GPT-3’s eerily human-like language abilities, AI has made impressive strides that leave us both fascinated and wary. As we grapple with the implications of AI’s fast-paced development, it is important to consider the opportunities and challenges it presents for society. In this article, we will explore the exponential growth of AI, its implications for our economy and society, and the ethical questions it raises for the future.“
 
Ja, doch, fast, also nicht ganz. Das Ding trinkt halt keinen Amarone. Absinth auch nicht. Das Ding beginnt mich zu nerven.

Vollhohlnieten und andere Wunder

Egal, wie lautet das Thema nochmal? Eine Magazin-Ausgabe über das Ding? Mein erster Gedanke war (s. o.): „Die ist doch schon überholt, wenn du den ersten Buchstaben in deinen Laptop hackst.“ Dann schreib doch genau darüber, meinte der Kollege. Ja, danke auch! Okay, wie nähere ich mich diesem Misthaufen? Vielleicht so: Als ich in grauer Vorzeit in der Werbung anfing, kritzelte ich meine Ideen und Texte noch mit dem Bleistift auf die karierten Blätter eines A4-Blocks (immerhin mit Agentur-Logo). Die trug ich dann durch einen langen Gang nach vorne zum Schreibbüro, wo eine bemitleidenswerte Kollegin versuchte, meine Hieroglyphen zu entziffern, um sie dann in ein monstermäßiges Linotype-Redaktionssystem einzugeben, eine elektronische Weiterentwicklung der Setzmaschine und der heißeste Scheiß, der damals auf dem Markt zu haben war („Beim Spiegel haben sie auch so eine!“). Im Minutenabstand erhielt ich Anrufe von Helga, so hieß die Kollegin:
 
„Was soll denn das zweite Wort in der vierten Zeile heißen – Vollhausmiete?“
„Vollhohlniete.“
„Wie bitte? Was soll das? Ich kann deine Sauklaue halt nicht lesen!“
„Nein, ich meine damit nicht dich, Helga, es heißt wirklich Vollhohlniete, ein Teil, das unser Kunde herstellt und über das ich was Schlaues schreiben soll.“
 
Neun oder zehn Anrufe später legte Helga den finalen Text schließlich in ein Faxgerät, um ihn elektronisch an den Kunden zur Freigabe zu senden. Und ich dachte: „Wie geil ist das denn? Ich sitze in Stuttgart, mein Kunde in – sagen wir mal – Castrop-Rauxel und keine fünf Minuten später spuckt eine ähnlich geartete Wunderkiste meinen Text bei ihm auf den Schreibtisch!“ Das alles hat sich um 1990 herum zugetragen.

Irokesen und Verschwörungstheoretiker

Und heute? Sagst du dem Ding einfach: „Schreibe einen für Laien verständlichen Text zum Thema Vollhohlniete“ und keine 0,5 Sekunden später erscheint ein ziemlich sachlicher und weitgehend korrekter Text auf dem Bildschirm deines Rechners. Weshalb ich im Moment überlege, ob ich im fortgeschrittenen Erwerbstätigenalter noch eine Karriere als Klo-Mann auf einer Autobahnraststätte starte – das kann das Ding vielleicht noch nicht … Aber dann denke ich: Wenn du deinen Lebensunterhalt mit dem Verfassen sachlicher, korrekter Texte verdienen wollen hättest, wärst du zu Bosch oder Siemens gegangen und hättest Bedienungsanleitungen für Waschmaschinen und Bügeleisen getextet. Manche (der Irokese Lobo zum Beispiel) vergleichen das Ding mit der Erfindung der Dampfmaschine, der Initialzündung für das Zeitalter der Industrialisierung. Aber eine Dampfmaschine, bei der sich der Druck auf dem Kessel exponentiell zur Betriebsdauer erhöht und damit auch der Output. Eine Dampfmaschine, die heute so groß ist wie eine Garage und morgen wie ein Fußballstadion. Eine Dampfmaschine, die heute noch Mistgabeln produziert und morgen schon Elektroautos. Andere, wie der Lieblingsfeind aller Verschwörungstheoretiker, Bill Gates, setzen das Ding mit der Erfindung des Mikroprozessors, des Personal Computers, des Internets und des Mobiltelefons gleich. Aber bis diese Errungenschaften der Menschheit mal aus dem Quark kamen, hat es lange gedauert. Wer erinnert sich noch an das Piepsen des Telefonmodems? An das Staunen, wenn eine Suchanfrage in Yahoo so mir nichts dir nichts fünf Treffer ausspuckte? An die erste E-Mail, die noch schneller war als das Faxgerät, das mehr und mehr Staub ansetzte? Tja, liebe Gen Z, da war noch nix mit Storysswipen, Sätze-aus-Emojis-Bilden (da kann man wenigstens keine Tippfehler machen) oder Vegane-Currywurst-per-App-Ordern …

Spiel mir das Lied vom Psycho Killer

Um ehrlich zu sein, ich bin in den letzten Wochen und Monaten so vielen Artikeln, Posts, Videos, Podcasts, Blogs und Ausstellungen über das Ding begegnet, dass ich mir vorkomme wie ein Neandertaler, den seine Mit-Flintstones ständig am Bärenfell zerren und dabei aufgeregt mit ihren Keulen schwingen, weil sie ihn auf dieses erhellende und erwärmende Phänomen aufmerksam machen wollen, das da auf einer Waldlichtung vor sich hin flackert.
Okay, jetzt hab ich den Artikel prompt verkackt! Besser, ich entkorke erst mal noch ’ne Flasche Amarone. Absinth ist alle. Alexa: Spiel mir „Psycho Killer“ von den Talking Heads aus dem Album „Stop making sense“.
 
You start a conversation, you can’t even finish it
You’re talking a lot, but you’re not saying anything
When I have nothing to say, my lips are sealed
Say something once, why say it again?

Autor
Ekkehard Haug / ChatGPT

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