Begriffsentwicklung und Gesellschaft

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26.04.2018

Eine globale Etymologie von effektiv und effizient

Effizienz und Effektivität sind nicht nur beliebte Termini in der B2B-Kommunikation. Als Säulen unserer (westlichen) Leistungsgesellschaft qualifizieren sie heute fast alle Bereiche unseres Lebens: Arbeitseffizienz, Energieeffizienz, Zeiteffizienz, Ressourcen­effizienz, Effizienzhaus, effektive Methoden und Lösungen, effektives Zeitmanagement, sogar Urlaubstage werden effektiv genutzt. Aber was genau bedeuten die beiden oft synonym verwendeten Begriffe effizient und effektiv, und woraus sind sie entstanden?

Effektiv (Adj.,): wirklich, tatsächlich, wirksam. Im 17. Jahrhundert aus dem Mittellateinischen effective (tatsächlich, in Wirklichkeit) übernommen. Als Adjektiv ursprünglich vor allem als „wirklich, tatsächlich“ in Gebrauch. Nur vereinzelt im 18. bis 19. Jahrhundert „wirksam, wirkungsvoll“. Letztere Bedeutung tritt erst in der Mitte des 20. Jahrhunderts in den Vordergrund als „großen Nutzen erzielend, von hoher Effektivität“ in der Sprache der Wirtschaft.

Effizient (Adj.): wirksam, leistungsfähig. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts aus dem Lateinischen Partizip Präsens efficiēns „bewirkend, wirksam“ übernommen. Effizienz gewinnt in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts (aus lat. efficientia „Wirksamkeit“) die Bedeutung „Leistungsfähigkeit, Wirkungsgrad“.

effective & efficient

Sowohl im Deutschen als auch im Englischen finden Wörter wie Effizienz und Wirksamkeit verstärkt im Zug der industriellen Revolution in den Sprachgebrauch Eingang. Zum Beispiel wurde das Englische „efficiency“ (aus dem Lateinischen efficientia – wirksame Kraft, Wirksamkeit, Einfluss) von 1858 an in der Mechanik als „Verhältnis von nützlicher Arbeit und Energieverbrauch“ eingesetzt. Das Englische „effective“ (aus altfranzösisch effectif, wiederum aus dem Lateinischen efficere – erreichen, vollbringen) ist seit den 1680er Jahren im Militär ein Begriff für „diensttauglich“. Anfang des 20. Jahrhunderts entsteht der Begriff des „Efficiency Room“, das, was wir heute als „Eineinhalb-Zimmer- Wohnung“ bezeichnen – günstige Wohnmöglichkeiten in der Stadt für einzelne Personen oder Paare.

Wirksamkeit & Effizienz

Werfen wir einen Blick nach China, dessen Sprachkultur und Philosophie sich komplett unabhängig von der hellenistischen und lateinischen Denktradition Europas entwickelt hat, entdecken wir eine reiche Palette an Begriffen sowohl für effektiv 慤茄上 (shishishang, in der Tat, de facto) als auch für effizient 멕槻 (gaoxiao, hochwirksam, schlagkräftig). Je nach Situation kommen andere Wörter zum Einsatz, die eine Wirksamkeit oder Effizienz bezeichnen.


Im westlichen Denken bestimmen Aristoteles’ Ziel (griechisch τέλος, telos) und Platons Modelldenken einen Idealweg, verknüpft mit dem klar formulierten Gedanken des „Fortschritts“. Die Realität soll mit einem Modell greifbar und möglichst effizient, also möglichst nah am Modell, umgesetzt werden: Ich gehe von A nach B. Und das mit so wenig Zeit- und Arbeitsaufwand wie möglich. Wenn ich zu Fuß von Berlin nach Beijing gehe, ist das vielleicht effektiv, aber nicht besonders effizient. Steige ich bei Moskau in die Transsib, ist das zumindest für den Rest der Strecke effizienter, am effizientesten wäre natürlich der Direktflug von Berlin nach Beijing.


„(…) der chinesische Weg ist kein Weg, <der>(…)“ Es gibt keine linear Zeit-Aufwand-Achse. Der chinesische Weg „돛dao“ ist stattdessen ein Weg, auf dem etwas geschieht. Der Prozess an sich entscheidet, was „wirksam“ oder „effektiv“ sein kann – nicht eine vorher ausformulierte, abstrakte Theorie. Bezeichnenderweise bedeutet das chinesische „셕 ji“, welches wir gerne mit „Planung“ übersetzen, eigentlich „einschätzen, bewerten“. Auch das erste Kapitel von Sun Zis Kriegskunst bedeutet daher nicht „Plan“, sondern „Einschätzung der Situation“. Und die Situation selbst ist es, die potenzielle Ziele und Erfolgsaussichten ans Tageslicht bringt. Der chinesische Stratege betrachtet die Situation und wirkt dann ein auf den Gesamtprozess, aber minimal und unsichtbar. Irgendwann fällt ihm die reife Frucht – scheinbar mühelos – in die Hände. Die auf diesem Weg erreichte Wirkung/Effizienz ist nur der Höhepunkt eines ganzen Prozesses.


Das Interessante an unserem Ad-hoc-Vergleich zweier so unterschiedlicher Philosophien zur Effizienz ist, dass gerade die chinesische Definition der Wirksamkeit die westlichen Definitionen von Effektivität und Effizienz verschmelzen lässt. Das „Einwirken auf die Situation – und diese mit minimalen Mitteln beeinflussen“ kann heute eine winzige Handlung oder Einwirkung sein: ein unscheinbares und offenbar ineffektives Vertragsdetail. In fünf Jahren aber hat sich dieses Detail für die chinesische Vertragsseite möglicherweise in einen entscheidenden Gesamtvorteil verwandelt.</der>

Westen:

Die essentielle Bedeutung von Effizienz und Effektivität im westlichen Denkmodell, hier pauschalisiert betrachtet, resultiert aus dem starken Glauben an den „Fort“-Schritt. Jeder Weg muss eine Verbesserung beinhalten. Je kürzer dieser Weg, je mehr Verbesserung = desto besser.

China:

Die Bedeutung von Effizienz und Effektivität in China, hier ebenfalls pauschalisiert, ist der Betrachtung der Gesamtsituation untergeordnet. Es gibt keinen singulären Glauben an den „Fort“-Schritt, sondern eine Vorstellung von Zyklen. Wo stehe ich? Welche Ziele könnte ich erreichen, jetzt oder in 10 oder in 20 Jahren? Was wollen die anderen? Welche kleinen oder großen Hebel muss ich in Bewegung setzen?

Autor
Esther Reinwand

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