Mit guten Manieren kommt man weiter _

isso!

Moritz Freiherr Knigge – aufgewachsen auf einem Rittergut nahe Hannover und betitelt mit einem Namen, der verpflichtet. Sofort kommt einem dessen berühmter Vorfahre mit den Benimm- und Höflichkeits-Regeln in den Sinn. Und genau diese Regeln in die Moderne zu übersetzen,...

B2B_Magazin_02_2016_S_56Moritz Freiherr Knigge – aufgewachsen auf einem Rittergut nahe Hannover und betitelt mit einem Namen, der verpflichtet. Sofort kommt einem dessen berühmter Vorfahre mit den Benimm- und Höflichkeits-Regeln in den Sinn. Und genau diese Regeln in die Moderne zu übersetzen, hat er sich zur Aufgabe gemacht.

Unterscheidet sich der Umgang miteinander
heute von dem früher?


MFK_ Ich besitze ja weder Doktorhut noch Zeitmaschine. Ich glaube aber, dass sich über die Zeitalter wenig daran geändert hat, was die Menschen mögen und was nicht. Wer nur an sich denkt, die Wahrheit mit dem Löffel frisst und andere zum Publikum seiner Profilneurosen macht, der war früher ein Vollhonk und ist es auch heute.

Wer sich seiner menschlichen Neigungen bewusst wird und auch andere einmal glänzen lässt, der darf heute wie damals damit rechnen, dass ihm das ein oder andere Herz zufliegt. Verändert haben sich Raum und Tempo der Begegnung. Und der Rang, den wir Gefühlen geben: Wenn alles „irre“, „krass“ und „mega“ ist, wirkt sich das natürlich auf das Miteinander aus.

Wie beeinflusst die digitale Kommunikation die
Umgangsformen?


MFK_Insofern, als zunehmend Geräteträger die Welt bevölkern. Das ist ein Rückschritt. Die Aufmerksamkeit, die „Always on“ fordert, fehlt anderswo und lässt andere in der Fußgängerzone Slalom laufen. Dislike.

Kann Kommunikation über Soziale Medien
höflich sein oder geht es dabei nur um Selbstdarstellung?


MFK_Social Media bieten einen Kommunikationsraum, der auf unsere kleinen Eitelkeiten wirkt wie der Teilchenbeschleuniger auf das Proton: maximale Aufladung. Endlos, gnadenlos gleichzeitig pulsiert unsere Selbsterfindung durch Glasfasern und Überseekabel. 24/7 gut aussehen, geistreich und erfolgreich sein – au Backe, ist das anstrengend. Und Anstrengung und Höflichkeit vertragen sich nicht.

Also doch lieber direkte face-to-face-
Kommunikation?


MFK_Das Leben in der analogen Welt hat zivilisierenden Charakter. Eine Begegnung von Angesicht zu Angesicht kann helfen, sich aus der Shitstorm-Affektspirale auch mal zu trollen. Anderen aus der Anonymität VERSALIEN entgegenzuschleudern ist etwas anderes, als Menschen ins Gesicht zu brüllen. Es tut bisweilen gut, seinen virtuellen Freunden und Feinden den Rücken zu kehren und echte Menschen zu treffen.

Gibt es Regeln dafür, wie man sich stilvoll im
virtuellen Raum bewegt?


MFK_Ja. Die folgenden fünf sind mir ein guter Leitfaden für das digitale Miteinander:

  1. Denke drei Sekunden nach, bevor du sendest. 

  2. Mache dich nicht zum digitalen Affen. 

  3. Schau Menschen in die Augen, statt auf deinen Bildschirm zu starren. 

  4. Sei sorgfältig bei dem, was du versendest, und entspannt gegenüber dem, was du erhältst. 

  5. Hinter jedem Nickname verbirgt sich ein Mensch. 


Woher kommt die Hasskultur in den Sozialen
Medien? Und wie kann man sich dieser höflich
entgegenstellen?


MFK_ „Coldplay ist die geilste Band der Welt. Isso!“ – „Deutschland baut die besten Autos. Isso!“ – „Es gibt nichts Besseres als Käsekuchen. Isso!“ – Der Mensch leidet am Isso!-Tourettesyndrom. Wir glauben, die Welt wäre, was wir hören, sehen, fühlen, riechen und schmecken. „Ein Dalmatiner ist kein Bernhardiner. Isso!“ – Wir glauben jeden Quatsch, der uns so durch den Kopf geht. Und wir empfinden die Konfrontation mit den Möglichkeiten anderer nicht selten als Stress. Wer nicht nach dem Motto „Hilfe, ein Mensch!“ durch den Tag fräst, wer über das eigene Kopfkino auch mal schmunzeln kann und hin und wieder auf seine tägliche Ration Recht verzichtet, der verhält sich nach meiner Erfahrung überall recht höflich. Isso!

Lässt sich das Smartphone höflich in den
Alltag und das Miteinander integrieren?


MFK_Das Gerät ist ein Tor zu einem Menschen, der nicht da ist. Aber auch eine Fluchttür, die in eine spannende, bunte Welt führt, weniger grau als mein Alltag. Wer Maß halten kann, bleibt am Leben. Sein Smartphone integriert, wer nicht wie ein Zombie bei jedem Fiepen, Klingeln, Blitzen und Brummen zu seinem smarten Phone eilt und seine smarten Mitmenschen stehen und liegen lässt.

Gibt es in der Werbung noch Benimmregeln?
Ist disruptiv gleichbedeutend mit rüde,
unhöflich oder beleidigend?


MFK_ To disrupt bedeutet ja wörtlich etwas zu sprengen, zu zerstören, zu unterbrechen. Jemanden zu unterbrechen gilt im Umgang als ziemlich daneben. Doch warum soll ich jemandem zuhören, der nur Stuss erzählt? Warum sollen wir uns duzen, wenn wir uns alle siezen wollen? Disruptiv bedeutet für mich, Störungen im eigenen System zu ertragen. Wer den Status quo hinterfragt, muss das nicht rüde oder beleidigend tun. Am besten funktionieren die meisten Dinge mit dem Finger an der eigenen Nase: Vielleicht war der andere ja gar nicht unverschämt, sondern ich dünnhäutig? Vielleicht kann ich besser austeilen als ein-
stecken? Alltagstauglich sind Systemstörungen, die einen neuen Konsens in sich tragen. Der überraschend oft der alte ist.

Also darf sich Werbung heute alles erlauben?
(Denken wir an Wicks „Wick dich, du Hustensohn“ oder „Heul doch, du Brombeersohn“ vom
Smoothie-Hersteller True Fruits.)


MFK_ „Wer sich alles erlaubt, erlaubt anderen nichts“, hat mein Lieblingslehrer immer gesagt. Die Übernahme jugendsprachlicher Rempelei zur jovialen Aufladung von Lutschbonbons ist aus meiner Sicht die Folge zunehmend affektiver Kommunikation. Genannte Arbeiten betrachte ich aber als kleine, amüsante Kraftspiele. Frech gedachte, schlau geschriebene Innenansichten der Ideenindustrie. Und doch bieder, weil anbiedernd. Isso! ;-)

 

interviewerin \ Viola Schäffer