Die Formel für Schönheit

Ein Gespräch mit Attraktivitätsforscher Dr. Martin Gründl
\\ October 28, 2013

\\ Interviews

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„Schönheit liegt im Auge des Betrachters“ heißt es. Obwohl jeder Mensch einen eigenen Geschmack hat, belegen Forschungen einen grundsätzlichen Konsens dafür, was als schön emp funden wird. Im Interview verrät Diplom -Psychologe Dr. Martin Gründl, wie sich Schönheit objektiv messen lässt. Und was das Geheimnis eines schönen Gesichtes ist.

(B2B) Herr Gründl, Sie sind empirischer Psychologe und Attraktivitätsforscher. Was ist für Sie Schönheit?

(MG) Für mich ist Schönheit das, was eine repräsentative Stichprobe der Bevölkerung als schön bezeichnet. Das klingt wie ein Zirkelschluss. Aber da steckt eine wichtige Idee drin. Nämlich, dass nicht irgendein Forscher oder eine Autorität Attraktivität definiert. Sondern, dass Schönheit ein Durchschnittsurteil der Bevölkerung ist.

Wenn man festgestellt hat, wer oder was schön ist, stellt sich natürlich sofort die Frage nach dem Warum.

Die Frage nach den Ursachen von Schönheit ist das Hauptbeschäftigungsfeld der Attraktivitätsforscher. Da gibt es eine Reihe von Merkmalen, die Gesichter attraktiv machen. Zum Beispiel bei Frauen sind dies generelle Merkmale von Jugendlichkeit, wie makellose, faltenlose Haut. Hinzu kommen typisch feminine Gesichtsmerkmale, die im Wesentlichen identisch sind mit Merkmalen des Kindchenschemas. Zum Beispiel große Augen, kleine zierliche Nase, volle Lippen und zierlicher Unterkiefer. Allerdings gibt es zwei Merkmale, die dem Kindchenschema widersprechen. Dies sind sogenannte Reifekennzeichen, die auch attraktiv machen. Das sind ausgeprägte Wangenknochen sowie konkav nach innen gehende Wangen, also das Gegenteil von Pausbacken.

Und was macht einen Mann attraktiv?

Prinzipiell sind dies die gleichen Merkmale wie bei Frauen auch. Also glatte, makellose Haut, jugendliches Aussehen und volles Haar. Dazu eine eher schmale Nase, ein eher schmales Gesicht und kein Fettansatz. Der wichtige Unterschied ist, dass nicht Merkmale des Kindchenschemas gefragt sind, sondern eher typische Reifekennzeichen. Beispielsweise ein markanter Unterkiefer und ein kräftiges Kinn. Allerdings gilt nicht die Regel: je männlicher, desto attraktiver. Männer, die zu viele Testosteron-Merkmale haben, wie große Nase, f liehende Stirn, kräftige Augenbrauenwülste oder schmale Lippen, wirken sogar unattraktiv. Zu geringe Ausprägungen machen aber auch unattraktiv. Am besten schneidet ein ausgewogenes Verhältnis ab.

Haben es attraktive Menschen im Leben leichter?

Generell ist es so, dass attraktiven Menschen positivere Eigenschaften zugeschrieben werden. Sie werden für intelligenter gehalten, freundlicher, geselliger, fleißiger, ehrlicher und so weiter. Allerdings gibt es auch überraschende Effekte. Hochattraktiven Frauen, die sehr feminin aussehen, werden nämlich auch entsprechende Persönlichkeitseigenschaften zugeschrieben. Solche Frauen haben dann schlechtere Karten bei der Besetzung von Führungspositionen. Denn hier sind Eigenschaften wie Führungsstärke oder Durchsetzungsvermögen gefragt, die typisch männlich konnotiert sind. Für andere Jobs wie Sekretärin oder Stewardess ist es dafür umso vorteilhafter, weiblich auszusehen.

Stichwort Aussehen: Wie messen Sie die Einzelaspekte von Attraktivität?

Eine ganz wichtige Methode ist, Merkmale gezielt zu manipulieren. Mit Hilfe von Morphing-Software zum Beispiel lässt sich ein Foto eines Gesichts systematisch so verändern, dass es zu beliebigem Grad Merkmale des Kindchenschemas annimmt. Mit dieser Technik kann man verschiedene Gesichtsvarianten erzeugen und dann testen, was die Leute bevorzugen.

Ist Schönheit weltweit gleich?

Untersuchungen im asiatischen Raum zeigen, dass Menschen Gesichter ihrer eigenen ethnischen Gruppe bevorzugen. Es macht daher keinen Sinn, ein asiatisches Gesicht mit einem westlichen zu vergleichen. Innerhalb einer ethnischen Gruppe hingegen gelten dieselben Merkmale für Attraktivität, wie Jugendlichkeit, makellose Haut und so weiter. Genau wie die Geschlechter-Unterschiede. Auch für den japanischen Geschmack ist es wichtig, dass Männer beispielsweise größere Nasen haben als Frauen – ebenso wie in westlichen Kulturen. Allerdings gelten dort generell für beide Geschlechter kleinere, flachere Nasen als schön. Das Grundprinzip des geschlechtstypischen Aussehens als Schönheitskriterium gilt dort jedoch genauso wie bei uns. Dies sind Indizien dafür, dass es bestimmte Kriterien für ein in den Genen verankertes Schönheitsempfinden gibt.

Was brachte Sie auf die Idee einer Schönheits-Formel – und wie haben Sie diese entwickelt?

Der Grundgedanke war, die Körperfigur nicht nur beschreiben zu wollen, sondern auch objektiv zu vermessen. Als Grundlage dafür wurden Figuren mit Morphing-Software hinsichtlich Oberweite, Taille, Beckenbreite, Beinlänge und Körpergewicht systematisch manipuliert. Diese manipulierten Figuren wurden vermessen und die Attraktivität wurde von Versuchspersonen bewertet. Alle gesammelten Daten wurden schließlich statistisch verarbeitet und es wurde ein sogenanntes Regressionsmodell daraus gebildet, mit dem sich vorhersagen lässt, wie attraktiv eine Figur bewertet werden wird. Es ist nicht darum gegangen, eine Formel zu erstellen, die sagt, was attraktiv ist. Leider kommt das immer so rüber. Es ging darum zu verstehen, welche Merkmale am Körper wie wichtig für ein Attraktivitätsurteil sind.

Ist das der Grund, warum Sie Ihre Formel verkürzt darstellen bzw. nur mit Variablen?

Ja, das ist Absicht. Die entsprechenden Werte wurden in einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift veröffentlicht. Aber auf die Homepage stelle ich das bewusst nicht. Es gäbe zu viele Fehlerquellen, wenn die Leute beispielsweise mit ihrem Handy ein Foto machen und sich dann vermessen wollen. Um mir wütende Mails zu ersparen, halte ich die Formel in dieser allgemeinen Form.

Können Sie aus Ihren Untersuchungen Tipps ableiten, wie man sich attraktiver macht?

Bei einem Gesicht kann man aus meiner Sicht viel bewirken, wenn es gut geschminkt ist. Aber ganz gleich, welche Maßnahme man wählt: Gut ist sie, wenn es einen positiven Effekt hat – ohne dass die Leute merken, dass ein Eingriff erfolgt ist. In dem Moment, wo eine Maßnahme unnatürlich aussieht, kippt es meist ins Negative. Denn im Grunde genommen ist Make-up eine Täuschung. Die Kunst besteht darin, so zu täuschen, dass es nicht auffällt. Das lässt sich aus Sicht der Evolutionspsychologie erklären. Denn Schönheit ist ein informativer Wert über die Qualität der Person als Partner. Wir bevorzugen attraktive Menschen, denn diese versprechen die besseren Gene. Stellt man allerdings fest, dass die Haare gar nicht blond sind, sondern schon grau und nur gefärbt, dann wird dies als Täuschung gesehen und damit als negativ empfunden.

 

Seiten aus b2b22013

 

Interviewer\ Stephan Fuß


 

 

Vita\  Dr. Martin Gründl

Geboren 1976 in Donauwörth nahm Gründl nach seinem Psychologiestudium in Regensburg 2001 mit einer Gruppe an einem Forschungswettbewerb zum Thema „Körper“ teil. Das war der Start der beautycheck-Studie. Gründl setzte die Untersuchungen fort, promovierte 2005 und habilitierte sich 2012 im Fach Psychologie mit einer 400 Seiten umfassenden Arbeit zur Attraktivitätsforschung.

Diese kann auf seiner Website kostenlos heruntergeladen werden. Aktuell lehrt er als Privatdozent an der Universität Regensburg und forscht schwerpunktmäßig zu den Reizgrundlagen der Attraktivität von Gesicht und Figur.

www.beautycheck.de