Foto: Monique Wüstenhagen
Bernd Adam, seit 2008 Geschäftsführer des Vereins Deutsche Fachpresse, spricht über die B2B Media Days, Künstliche Intelligenz, neue Erlösmodelle und die Zukunft der Fachmedien.
Bernd Adam ist seit dem November 2008 Geschäftsführer des Vereins Deutsche Fachpresse. Zuvor war er seit 2001 Vorstand des Fachmedienanbieters Print & Media Forum AG, einem wirtschaftlich eigenständigen Tochterunternehmen des Bundesverbandes Druck- und Medien (bvdm) und der Landesverbände Druck und Medien. Bernd Adam hat an der Berufsakademie Mannheim Betriebswirtschaftslehre studiert und bei IBM Deutschland gearbeitet. Nach seinem Studium der Publizistik, Politikwissenschaften und Betriebswirtschaftslehre an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz war er für die ZDF Enterprises GmbH, die MFG Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg sowie für die Strategieberatung Diebold Deutschland tätig. Bernd Adam ist als Gastdozent an der Popakademie Baden-Württemberg und der Johannes Gutenberg-Universität im Bereich Verlagswirtschaft aktiv.
Herr Adam, die B2B Media Days standen unter dem Motto “Fast Forward”. Was sind Ihre wichtigsten Eindrücke?
Die B2B Media Days standen unter dem Motto “Fast Forward”, weil wir ausstrahlen wollten, dass es nicht Ziel der Fachmedien ist, den Status quo zu bewahren. Vielmehr denkt die Branche nach vorne und überlegt sich, wie sie für ihre Kunden und Zielgruppen die besten Lösungen und Angebote schaffen kann. Das ist aus meiner Sicht auch als Gesamtstimmung auf dem Kongress rübergekommen.
Das überragende Thema war die Künstliche Intelligenz. Einmal zur Prozessoptimierung und Effizienzsteigerung im Verlag selbst. Und zum anderen die Frage, wie KI Produkte und Angebote verbessern kann.
Interessant war dabei, dass große Verlage für Recht, Wirtschaft und Steuern bereits kräftig investiert haben. C.H. Beck etwa in Noxtua, eine souveräne europäische KI, Wolters Kluwer hat das Berliner Startup Libra übernommen. Man kann sagen, dass der Wandel ganz stark vom reinen Content-Anbieter, wie wir ihn von früher kennen, hin zu einem technologiegestützten Unternehmen geht.
Der Kongress machte außerdem deutlich, dass Kunden künftig Inhalte immer häufiger direkt in ihre eigenen Wissensmanagementsysteme integrieren wollen.
Sind die juristischen Fachverlage Vorreiter dieser Entwicklung?
In Teilen ganz bestimmt. Das Nutzungsverhalten und die Erwartungshaltung der Leser ändern sich. Früher war man bereit, Datenbanken zu durchsuchen. Heute erwartet man, dass man eine Frage eingibt und die relevante Antwort erhält.
Der Unterschied zu OpenAI und ähnlichen Systemen ist, dass die Modelle der Fachmedien auf einen geschlossenen Content-Bereich zugreifen. So kann ich sicher sein, dass die Antworten qualitätsgeprüft und valide sind. Der größte Mehrwert, das Qualitätsversprechen der Fachmedien, besteht darin, dass Nutzer die Glaubwürdigkeit der Informationen nicht ständig selbst überprüfen müssen.
Der zweite Grund für die Vorreiterrolle ist, dass diese Verlage schon sehr früh begonnen haben, ihr Wissen in Datenbanken zu strukturieren. Früher war es das Fachbuch, heute sind es digitale Wissensplattformen. Kombiniert man diese mit KI, entstehen leistungsfähige Arbeitswerkzeuge.
Foto: Monique Wüstenhagen
Bekommen Fachmedien dadurch eine Kuratorenfunktion? Also dafür zu sorgen, dass ich sicher und zuverlässig mit den richtigen Informationen versorgt werde?
Sie sorgen zunächst einmal dafür, dass Informationen überhaupt entstehen. Das ist die journalistische oder redaktionelle Leistung. Viele unserer Fachmedien arbeiten mit externen Autoren, die betreut, lektoriert und auf Qualität geprüft werden.
Bei frei verfügbaren Inhalten, etwa Gesetzestexten, kommt zusätzlich die Kuratorenfunktion hinzu. Fachmedien strukturieren, ordnen ein und machen Informationen zugänglich. Es ist letztlich eine Mischung aus beidem.
Man kann sagen, dass der Wandel ganz stark vom reinen Content-Anbieter hin zu einem technologiegestützten Unternehmen geht.
Viele Unternehmen verfügen über enormes Spezialwissen, dass sie noch nicht in vollem Umfang nutzen.
Entstehen daraus neue Geschäftsfelder und Kooperationsmöglichkeiten?
Wir hatten in diesem Jahr erstmals einen Kooperationsworkshop für unsere Mitglieder. Die Verlage erkennen, dass in diesen Zeiten stärker zusammengearbeitet werden muss, insbesondere auf technologischer Ebene.
Eines unserer Mitglieder hat beispielsweise umfangreiche Erfahrung beim Aufbau von Datenbanken gesammelt und bietet dieses Know-how inzwischen anderen Verlagen als Dienstleistung an. Aus Wissen, das ursprünglich für das eigene Geschäft aufgebaut wurde, entstehen neue Geschäftsmodelle.
Die VNR Group ist dafür ein gutes Beispiel. Dort reicht das Angebot inzwischen von publizistischer Beratung über Software-as-a-Service bis hin zu Vertriebsplattformen und Abounterstützung.
Grundsätzlich erleben wir beim Wissensmanagement derzeit enorme Fortschritte. Zahlreiche Anwälte und Wirtschaftsprüfer bauen derzeit ihre eigene KI-Datenbank auf und hinterlegen dort ihren gesamten Schriftverkehr. Im Grunde entstehen so kleine Fachverlage innerhalb von Unternehmen. Und was diese Unternehmen wollen, ist nicht mehr eine externe Datenbank, in die sie sich einloggen müssen. Sie wollen die Inhalte direkt in ihre eigenen Systeme integrieren.
Wie verändern sich die Erlösmodelle?
Die Erlösmodelle verändern sich teilweise massiv. Der Fokus geht stärker in Richtung Vertriebserlöse. Werbung wird als Erlösquelle aktuell als volatil wahrgenommen und viele Anbieter versuchen, die Abhängigkeit davon zu reduzieren.
Man versucht auch, von reichweitenbasierten Werbemodellen wegzukommen. Einige Fachverlage stellen fest, dass Nutzer durch KI-Antworten auf Google oder anderen Plattformen seltener direkt auf die ursprünglichen Seiten gelangen.
Deshalb investieren viele stärker in Community-Modelle. Sie bauen eigene Communities auf, pflegen direkte Kundenbeziehungen und setzen auf First-Party-Daten, Login- und Abo-Modelle. Ziel ist es, unabhängiger von Suchmaschinen zu werden.
Welche Rolle spielen Events für die Branche?
Events gewinnen mehr und mehr an Bedeutung und sind nach wie vor ein sehr interessantes Geschäftsmodell. Das hat man rund um den Kongress deutlich gespürt.
Wir haben in diesem Jahr die BIM World MUNICH von RM Rudolf Müller ausgezeichnet. Die Veranstaltung hatte bei ihrer ersten zweitägigen Durchführung direkt 8.500 Teilnehmende aus fast 80 Ländern.
Auch international sehen wir diesen Trend. Dafür gibt es zwei Gründe: Erstens kann KI dieses Geschäftsmodell nicht so leicht disruptieren. Zweitens wollen Menschen persönliche Begegnungen.
Das können Fachmedienhäuser sehr gut bieten. Mittlerweile reicht das Spektrum von großen Messen bis hin zu kleinen Formaten, bei denen zehn Personen an einem Tisch sitzen und die wichtigsten Akteure einer Branche zusammenkommen.
Welche weiteren Entwicklungen beobachten Sie?
Die Fachverlage wollen im Grunde alles anbieten, was für ihre Communities relevant ist. Podcasts, Bewegtbild, Workflow-Lösungen, Portale oder Schulungen.
Man hat heute nicht mehr nur drei Fachbücher im Regal, sondern nutzt Plattformen, auf denen Inhalte, Weiterbildung und Arbeitsprozesse zusammenlaufen. Solche integrierten Lösungen werden immer wichtiger.
Gleichzeitig sehen wir zahlreiche Relaunches klassischer Fachzeitschriften. Es ist also keineswegs so, dass Print nicht mehr nachgefragt würde. Auf dem Kongress waren sogar Stimmen zu hören, die wieder mehr Anzeigenbuchungen im Print verzeichneten.
Eine mögliche Erklärung ist, dass Print für Markenkommunikation und Brand Building weiterhin eine besondere Rolle spielt. Ein etabliertes Medium mit stabilem redaktionellem Umfeld und klar definierter Zielgruppe kann dafür sehr attraktiv sein.
Ziel ist es, unabhängiger von Suchmaschinen zu werden.
Welche Auswirkungen haben Plattformen wie Google, LinkedIn oder künftig KI-Anbieter auf die Fachmedien?
Die Konkurrenz ist deutlich spürbar. Vor allem LinkedIn und Google beeinflussen Reichweiten und Werbemärkte. Deshalb fordern wir faire Wettbewerbsbedingungen. Es kann nicht sein, dass eine Plattform mit fast schon einem Monopol am Markt aktiv ist aber unsere Verlage sich nicht zusammenschließen dürfen.
Wir stehen heute im Wettbewerb mit zahlreichen Kanälen, die dieselben Zielgruppen ansprechen. Gleichzeitig sehen wir kritisch, dass im Digitalen oft mit vermeintlich harten Zahlen argumentiert wird, die nicht immer das tatsächliche Leistungsversprechen widerspiegeln.
Für die Presse insgesamt stellt sich die Frage, wie die bestehende Vielfalt langfristig finanziert werden kann. Bei den Fachmedien kommt hinzu, dass neue Marktteilnehmer eintreten könnten. Es ist durchaus denkbar, dass Technologieunternehmen oder Startups künftig in hochspezialisierte Informationsmärkte vordringen und dort eigene Angebote entwickeln, weil auch diese Nischen durch KI rentabel werden.
Die Fachpresse gilt oft als etwas angestaubt. Teilen Sie diese Einschätzung?
Überhaupt nicht. Im Gegenteil: Wir sind sehr modern. Das sieht man jedes Jahr bei den Fachzeitschriften des Jahres und den vielen Innovationen unserer Mitglieder.
Wenn man sich die Relaunches der vergangenen Jahre anschaut, gehen diese immer stärker in Richtung hochwertiger Gestaltung, Haptik und Nutzererlebnis. Viele Titel unterscheiden sich kaum noch von hochwertigen Publikumsmagazinen.
Auch bei digitalen Lösungen sehe ich unsere Mitglieder weit vorne. Wir sehen professionelle Podcasts, individuelle WhatsApp-Kanäle, digitale Plattformen und sehr hochwertige Veranstaltungsformate. Ich glaube nicht, dass sich die Fachpresse verstecken muss.
Foto: Monique Wüstenhagen
Braucht die Branche dennoch mehr Selbstbewusstsein?
Wir haben im vergangenen Jahr die Kampagne „Wir sind Fachmedien“ gestartet. Sie verfolgt genau dieses Ziel. Dort zeigen wir die Bedeutung der Fachmedien für Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft und beschreiben ihre Rolle als Marktplatz, Innovationstreiber, Kontaktplattform und Businessvermittler.
Natürlich verfügen wir nicht über die Etats großer Wirtschaftsverbände. Aber wir arbeiten daran, die Bedeutung der Fachmedien sichtbarer zu machen.
Und ehrlich gesagt sehe ich keinen Mangel an Selbstbewusstsein. Die Fachmedienhäuser sind sich schon sehr bewusst, welche Rolle sie einnehmen. Sie werden von ihren Kunden geschätzt für das, was sie tun.
Wir sprechen bei Fachmedien oft von einem Vertrauensanker. Je unübersichtlicher die Welt wird, desto wertvoller wird ein Partner, dem man vertrauen kann. Der hilft, in unsicheren Zeiten Kurs zu halten und mit den richtigen Informationen zur richtigen Zeit zu arbeiten.
Die Veranstaltung hieß Fast Forward. Ist diese Stimmung angekommen?
Absolut. Die Mehrheit der Branche blickt positiv in die Zukunft. Der Fokus liegt klar auf den Chancen.
Vielen Dank für das Gespräch.
Ich danke Ihnen.