#8: Neue deutsche Wirtschaft. Glaube, Liebe, Hoffnung.

Waldemar Pförtsch

Waldemar Pförtsch hat Betriebswirtschaftslehre und Volkswirtschaftslehre studiert und in Sozialwissenschaften promoviert. Er hat als Berater für die United Nation Industrial Development Organisation in Sierra Leone, für die Siemens AG in Deutschland und den USA und bei diversen Consulting Unternehmen in den USA, Europa und Asien gearbeitet. Er war Professor für Internationales Marketing an der Hochschule Villingen-Schwenningen, Professor für Internationales Business an der Hochschule Pforzheim, Gastprofessor an der Kellogg Graduate School of Management, Dozent für Strategisches Management an der Lake Forest Graduate School of Management, Marketing-Professor an der China Europe International Business School (CEIBS), Shanghai. Er übernahm Lehrtätigkeiten in Chicago, Kalkutta, Lima, Tirana und ist bekannt für seine Zusammenarbeit mit Philip Kotler sowie seine umfangreichen Forschungen und Publikationen im Bereich Marketing und Internationales Business. Damit ihm nicht langweilig wird, ist er aktuell Professor of Marketing Management & Strategic and Digital Marketing an der CIIM Business School der University of Limassol auf Zypern. Und wir haben gemeinsam beschlossen, uns regelmäßig ein Marketing-Update bei ihm abzuholen.

Wir beschäftigen uns im B2B-Magazin aktuell als Schwerpunkt mit der deutschen Wirtschaft und damit, welche Rolle B2B-Marken zurzeit spielen. Oder eben nicht. Und wir sind auf einen Punkt gestoßen, der uns dabei besonders interessiert: Mindset, Einstellung, Psychologie. Ich würde gerne von dir wissen, wie du das siehst. Welche Zusammenhänge gibt es, wie stellt sich dieses Thema für dich dar?

JD

Also, bevor ich auf die Psychologie eingehe, würde ich gerne auf die Realitäten hinweisen. Wir leben ja in einer neuen Welt. Neben Digitalisierung und Artificial Intelligence hat sich die Lage auf dem Planeten schließlich wesentlich geändert. Einige Länder versuchen eine Art kalten Krieg mit neuen Methoden zu führen. Und in dieser Gemengelage sind wir zwischen die Räder gekommen. Und klar, nicht zum Vorteil. Es hat schon andere Länder gegeben, die in solche Schwierigkeiten geraten sind, zum Beispiel Japan, und jetzt hat es halt auch Deutschland erwischt. Mein Blickwinkel ist der, dass wir nicht unverschuldet da reingekommen sind. Wir haben offene Flanken gehabt und sie ignoriert. Dem amerikanischen Protektionismus und der Art und Weise, wie die Amerikaner ihre Politik gestalten, kamen diese offenen Flanken gelegen. Deswegen haben die uns erst mal abgekoppelt vom billigen Gas. Und damit sind unsere Energiekosten und unsere Gesamtstrukturkosten um 30 Prozent nach oben gegangen. Also alles vergleichbar mit Japan vor 30 Jahren. Das heißt, wir haben eine neue Situation, sind aber nicht so vorbereitet wie Japan seinerzeit. Japan hatte den Strukturwandel Jahre vorher eingeleitet. Und trotzdem mehr als 20 Jahre lang schwer damit gekämpft. Ich vermute mal, dass wir jetzt auch eine schwierige Phase vor uns haben. Und deswegen ist der Mindset-Wandel ein ganz wichtiger. Also an der großen politischen Gesamtmengenlage können wir als Nation, als Einzelne oder als Unternehmen relativ wenig machen. Wir können zwar lamentieren, das bringt uns jedoch nicht weiter. Aber: Wir können uns als Personen und Unternehmen anders aufstellen und können auch anders an die Themen rangehen. Und da kommen wir zum Mindset.

WP

Wenn ich kurz einhaken darf, Waldemar. Das, was du gerade dargelegt hast. Genau das, habe ich in einer sehr guten Studie der LBBW-Stiftung gefunden, die Oktober 2024 veröffentlicht wurde (https://www.lbbw.de/artikel/research-studien/deutschland-wirtschaft-studie-2024_ai5bvf4a5i_d.html). Diese Studie unterscheidet zwischen Gründen, für die wir was können und solchen, auf die wir keinen Einfluss haben. Erstens, du hast es jetzt nicht so drastisch genannt, aber ich nenne es jetzt mal unsere Verschnarchtheit. Also, dass wir uns zu lange auf billiges Gas aus Russland verlassen und uns auf unseren Erfolgen ausgeruht haben. Bestes Beispiel Automobilindustrie, die dann eben hinterherläuft. Wenn sie schon nicht an E-Antriebe glaubt, dann hätte ich mir gewünscht, dass nicht Toyota mit dem ersten serienfähigen Wasserstoffmotor kommt, sondern dass es eben Volkswagen, Audi, BMW, Mercedes ist.

JD

Mercedes? Die haben alles dafür.

WP

Einige Länder versuchen eine Art kalten Krieg mit neuen Methoden zu führen.

Quelle: Mercedes-Benz Pressebereich

Ja, die haben alles, aber wer jetzt damit rauskommt und sagt, wir setzen auf Wasserstoff, ist Toyota. Und damit machen die natürlich einen Punkt. Das zweite ist, dass wir uns generell in einer Zeit der Transformation befinden. Und Transformation bedeutet immer Unsicherheit. Weil wir nur wissen, dass es sich ändern wird. Aber nicht, wo es hingeht. Also gerade die Sache, die ich dir eben erzählt habe: Brauchen wir E-Autos? Setzen wir voll auf E-Autos? Oder ist es Wasserstoff oder der Fluxkompensator? Es ist nur klar, der Verbrenner ist es nicht mehr. Drittens haben wir uns bei Bürokratie und Verwaltung in eine Richtung entwickelt, die nicht mehr zu ertragen ist. Unzählige Regelungen, unsinnige Vorschriften, die den Unternehmen nur das Leben schwer machen und niemandem wirklich helfen. Inklusive Staatsangestellten, die das alles bräsig umsetzen. Dazu haben wir zu hohe Arbeits- und Arbeitsnebenkosten. Das sind alles übrigens Themen, an denen man sofort arbeiten könnte.

So, und dann gibt es eben die Dinge, für die wir nichts können. Und das ist vor allem diese Zoll- und Abgrenzungspolitik, die jetzt in China und USA Fahrt aufnimmt. Die neue Ordnung in der Welt, der wir eigentlich nur beim Entstehen zuschauen können, ohne irgendwas daran aktiv zu gestalten. Und jetzt kommen wir zu diesem interessanten Punkt: Um das alles mutig anzugehen, braucht man einfach eine andere Einstellung, als wir sie derzeit zeigen. Also die Nation, die Arbeitgeber und die Arbeitnehmer.

JD

Ja, ich sehe das ähnlich und muss auch dazu sagen, dass das H2H-Marketing auch deswegen so grundlegend ist, weil es einen neuen Mindset aufgreift. Es sagt: Ohne eine grundsätzliche Orientierung am Menschen kannst du deine Management-Überlegungen eigentlich nicht umsetzen. Und dazu braucht es Tools, es braucht Prinzipien, damit dieser Mindset nicht unstrukturiert in der Gegend rumhängt.

Wir sagen, der neue Mindset braucht eine Innovationsbasis, also Innovation als Voraussetzung, damit ich überhaupt so etwas machen kann. Also ich muss in meinem Denken permanent an neue Sachen denken.

WP

Am Anfang steht also die Bereitschaft, prinzipiell innovativ zu sein und sich bedingungslos am Menschen zu orientieren.

JD

Genau, das muss offen sein. Wir gehen sogar noch einen Schritt weiter und sagen, dass wir für echte Innovationen heute Design-Thinking als Methode brauchen. Wir sagen nicht, dass das die einzige Methode ist, damit ich kreativ bin. Aber wir finden Design-Thinking einfach gut, weil es halt vom Menschen her kommt. Ich kann auch Meta-Analysen machen oder was auch immer. Aber die Offenheit für Innovation, für das Denken in neuen Ansätzen, ist die wesentliche Voraussetzung, damit ich überhaupt in einen anderen Mindset reinkomme.

Dazu kommt die Digitalisierung. Sie gibt uns ungeahnte Dimensionen für die Veränderung des Mindsets, weil ich halt mit einer Geschwindigkeit arbeiten kann, die es bisher noch nie gab. Also ist sie sozusagen die physische Voraussetzung eines neuen Mindsets. Ich habe damit die Möglichkeit, in Sekunden und jetzt auch noch unterstützt durch AI-Tools auf alles Mögliche zuzugreifen. Was ich vorher einfach nicht konnte.

Und das dritte wesentliche Grundelement unserer Überlegung ist ja, wie du weißt, dass wir nicht wie früher in Produkten denken, sondern in Lösungen. Und das ist ja auch ein ganz wichtiger Teil eines neuen Mindsets für Deutschland. Also wir haben ja jetzt gerade typischerweise wieder über Produkte geredet. Dabei ist es nicht das Wasserstoffauto, um das es geht. Sondern es ist das gesamte Ökosystem rund um den Wasserstoff. Ich brauche die Erzeugung, ich brauche die Lagerung, ich brauche die Verfügbarkeit und den Service dazu usw. Und da sind wir bei einem der Gründe, warum der Wasserstoffversuch von Mercedes für PKW fehlgeschlagen ist und 2020 eingestellt wurde. In deiner Region gab es eine Tankstelle, die immer noch existiert, am Flughafen Stuttgart. Und es gibt drei in München. Und weil hier nicht im Ökosystem gedacht wurde, also in der Solution, ist es nichts geworden.

Dabei wirken Mechanismen, die wir eigentlich schon lange kennen. Wir erleben das immer wieder, wenn ein neues Unternehmen, eine neue Lösung aufkommt, dann macht es jemand, weil er eine Lücke gefunden hat und weil er prinzipiell anders an die Lösung herangeht. Und das ist an und für sich das Thema des Mindsets. Erinnere dich an unser letztes Gespräch über Tesla und Elon Musk. Du musst davon besessen sein, das anders machen zu wollen. Wenn ich ein Unternehmen neu gründe, eine Division, eine Abteilung oder was auch immer, dann habe ich auf jeden Fall einen plausiblen Grund, anders zu denken und anders zu handeln. Das heißt, die Unternehmerkultur spielt eine entscheidende Rolle und die Kultur der Startups ist eigentlich genau die Richtung, in die es gehen sollte.Wenn ich in der Lage bin, für mich als Person und natürlich für mein Unternehmen dieses neue Mindset zu haben und wenn ich noch eine Priorisierung auf das Menschliche hinbekomme, dann kann ich hinterher was Neues und ich sag sogar noch was Besseres schaffen als vorher. Und das ist es ja, was heute dazu führt, dass wir zum Beispiel Unternehmen haben, die voll auf Bio setzen und die Leute bezahlen, obwohl es teurer ist. Also der Kunde ist bereit, der ganze Markt ist offen für Veränderung, nur wir müssen es eben auch anbieten.

WP

Also der Kunde ist bereit, der ganze Markt ist offen für Veränderung, nur wir müssen es eben auch anbieten.

Also da würde ich gerne mal ein Fragezeichen setzen. Ich glaube, dass die Leute überhaupt nicht offen sind für Veränderungen, also gar nicht.

JD

Und ich kann dir natürlich ein Beispiel geben, mit dem genau das bestätigt wird. Also ich bin bekanntlich ein Freund von Uber trotz all der negativen Konnotationen. Und in Deutschland haben wir ja nicht Uber, sondern Uber X. Uber X ist im Prinzip ein Taxiunternehmen und es hält sich an die Regeln der Taxiunternehmen. Kannst du dich erinnern, wann die Regeln der Taxiunternehmen festgeschrieben wurden?

WP

Nee, kann ich mich nicht erinnern, weil ich wahrscheinlich noch gar nicht auf der Welt war, oder?

JD

Genau, 1914.

WP

Ja, dachte ich mir schon.

JD

Da war der Übergang von der Droschke zum Auto.

WP

Aber das meine ich, das ist doch typisch deutsch. Also ich sage jetzt mal so, du hast ja auch einen gewissen Abstand zu dem Land, da sieht man nochmal anders darauf. Aber ich muss dir ganz ehrlich sagen, was ich hier so täglich um mich herum erlebe und wenn ich mir dazu die Nachrichten anschaue, dann es ist eben tatsächlich so, dass das ganze Land von Angst bestimmt ist. Und von der Sorge ums Bewahren. Und ich frage mich, wer löst diesen Impuls zur Veränderung aus, weißt du? Die Politik wird es nicht sein, das glaube ich nicht. Und ob die Wirtschaft, die deutschen Unternehmen mit ihren Marken in der Lage sind, diesen Impuls zu setzen, ich weiß nicht. Irgendjemand muss einfach mal sagen: Leute, das hilft jetzt nichts, dass wir den Kopf in den Sand stecken. Wir müssen marschieren, um uns herum marschieren alle und wir sollten dringend wieder den Vorsprung zurückgewinnen, den wir mal hatten. Also wer löst diesen Impuls aus?

JD

Ich sehe den Auslöser nicht in einer Person, ich sehe den auch nicht in einer Institution, ich sehe das eigentlich in den Köpfen verschiedener Leute. Und es sind wahrscheinlich wenige. Die letzte wirklich große Unternehmerwelle, also in den 50er und 60er Jahren, war von Notwendigkeiten geprägt. Wir haben nichts gehabt. Und dann kamen die und haben es erfunden. Heute haben wir die Möglichkeiten mit der Digitalisierung unheimlich tolle, neue Sachen zu machen. Aber es ist, vor allem in Deutschland, sehr, sehr schwer, weil die Regularien extrem hart sind. Siehe Uber.

WP

Aber nochmal zur Öffentlichkeit, zur öffentlichen Meinung. Spielt die nicht auch eine gewichtige Rolle? Ich gebe dir ein Beispiel. Vor wenigen Tagen lese ich, dass VW den ID Buzz AD enthüllt hat. Einen autonom fahrenden, vollelektrischen VW Bus, der ab Juli beim Taxianbieter Moia in Betrieb genommen werden soll. Und es gab, ich habe es selbst überprüft, kaum Schlagzeilen in den großen Leitmedien. Keine Nachricht dazu. Keine Schlagzeile VW zeigt es Musk oder VW bringt das erste selbstfahrende Taxi. Aber direkt daneben findest du wieder acht Nachtrichten über mangelnde Leistungsbereitschaft der Generation Z, über Aussagen der Gewerkschaft zur Arbeitszeit, über Mindestlohn. Hey, da ist eine Innovation, und da hat eine große deutsche Firma wieder echt was auf die Beine gestellt. Und unsere Presse betrachtet das als Randnotiz und schreibt vor allem über die Themen, von denen du langsam echt depressiv wirst.

JD

Da haben wir ja schon mal eine Gruppe von Leuten identifiziert, die diesen Aufbruch verhindern. Also es ist nicht nur die Politik, es ist auch der Journalismus. Glaube ich auch. Ich habe da selbst fürchterliche Erfahrungen gemacht, die erzähle ich jetzt mal kurz. Ich hatte den Auftrag, die Expo 2000 an ihrem geplanten Termin starten zu lassen. Die sollte am 1. Juni 2000 in Hannover losgehen. Und ein Jahr vorher wurde deutlich, dass es nicht klappen wird. Okay. Und das geht natürlich nicht. So, und dann haben wir im Expoteam ein Riesenprojekt aufgesetzt, um das trotzdem zu erreichen, und wir haben es auch geschafft. Aber es war ganz schwer, die Presse mitzunehmen. Es gab während dieser Phase nur Negativberichte. Es ging immer nur um das, was nicht funktioniert. Es war fürchterlich. Und schließlich ging die Expo los und es kamen anfangs wenig Leute. Aber die, die da waren, waren begeistert. Und dann kamen ein paar mehr, weil sie gehört hatten, wie spannend es war. Und irgendwann hatten wir so viel Mundpropaganda, dass die Expo 2000 auch nicht mehr durch die Presse totzureden war. Es war super und mit über 18 Millionen Besucherinnen und Besuchern zwar hinter den Erwartungen, aber trotzdem ein Erfolg. Also, das ist ein selbst erlebtes Beispiel, wo die Presseberichte bis kurz vor Ende sowas von destruktiv waren. Ich mag gar nicht drüber nachdenken, wie es gelaufen wäre, hätten wir eine konstruktive Berichterstattung gehabt. Die Leute, die hingegangen sind, waren schließlich begeistert. Aber es gibt nun mal Leute, die verdienen daran, schlechte Nachrichten zu verbreiten.

WP

Das ist ja ein, ich weiß gar nicht, wer das geprägt hat, aber das ist ja ein berühmter Leitgedanke der Presse: Only bad news are good news. Du hast gesagt, wir müssen für Innovationen offen sein. Und vielleicht beginnt ja Innovation schon dabei, dass die Medien sich darüber im Klaren sind, dass dieser Grundsatz eigentlich nicht mehr gilt. Vielleicht ist er einfach nicht mehr zeitgemäß. Wahrscheinlich kann man in einer gefühlten Dauerkrise die Leute nicht dauernd noch zusätzlich mit schlechten Nachrichten befeuern. Sondern muss auch mal sehen, was man da auslöst. Ich verfolge zum Beispiel unsere Arbeitszeitdebatte mit gewissem Amüsement. Weil ich glaube, dass es weniger um Arbeitszeit geht, sondern vor allem um Engagement. Also darum, wie ich die Zeit, die ich bei der Arbeit verbringe, dann auch einsetze. Und ich glaube fest daran, dass die Leute, die Spaß an der Arbeit haben, überhaupt kein Problem damit haben, länger zu arbeiten.

JD

Ich verfolge die Debatte auch, aber mehr in Hinblick auf Arbeit während der Rentenzeit.

WP

Ja, da existieren auch ziemlich viele blödsinnige Regularien. Ich frage mich auch, ob wir es mal schaffen, alle Frauen in die Arbeit zu kriegen. Da lassen wir ungeheures Kapital liegen. Aber zurück zur Arbeit im Alter: Ich habe jüngst mit einem befreundeten ehemaligen Marketingchef telefoniert. Der Mann ist Anfang 50, der findet keinen Job mehr. Headhunter sagen ihm, er sei zu alt, er sei nicht mehr vermittelbar. Mit Anfang 50. Der hat noch lässige 12 bis 15 Jahre zu arbeiten. Und das ganze vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels und des Abgangs der Boomer.

Aber nochmal zurück zur Rolle der Medien. Wir dürfen uns doch nicht wundern, wenn mittlerweile Generationen kommen, bei denen ein höherer Prozentsatz von Anfang an nach der Viertagewoche fragt. Seitdem ich zum Beispiel Radio höre und mich erinnern kann, beginnen die ab ungefähr Dienstag, das kommende Wochenende heraufzuschwören. Ab Dienstag wird darüber geredet, ihr habt jetzt noch drei Tage, vier Tage, dann kommt endlich wieder die Freizeit. Wie irre kann man sein? Bei uns wird die Arbeit verteufelt, weißt du? Und ab Freitagmorgen heißt das Thema natürlich nur noch: Hoch die Hände, Wochenende. Jetzt geht das Leben los.

Wenn im Rundfunk, wenn in allen Medien dauernd so über dieses Thema gedacht und gesprochen wird, dann dürfen wir uns doch nicht wundern, wenn die Leute irgendwann mal so geprägt sind, oder? Und dann eben verlangen, dass sie ihr Wochenende schon am Donnerstagabend beginnt. Vier Tage Arbeit reichen, Freizeit ist wichtiger, weil das ist das echte Leben.

JD

Ja, da ist was dran. Aber schau her, wenn man über die Presse redet, wir haben ja jetzt mit der Digitalisierung sozusagen die Content-Bereitstellung durch die Einzelnen. Leider gibt es auch hier eine ganze Menge von rechtlichen Regeln in Deutschland. Trotzdem ist es so: Wenn du dich engagierst, kannst du die Menschen für dich gewinnen. Leider sehen wir ja jetzt bei der rechten Bewegung, wie gut die das machen. Und wie gut es funktioniert.

WP

Und die Linken verzeichnen Wahlerfolge, weil sie TikTok clever für sich instrumentalisieren.

JD

Ich mag es ja auch, mit LinkedIn meine Ideen zu verbreiten. Also wie gesagt, es gibt die Chance, aber es wird nicht richtig gemacht. Also ich habe da durch meine Distanz zu Deutschland ein bisschen die Einstellung, dass man den Ochsen nicht zum Wasser tragen kann. Und wie gesagt, auch angesichts der Erfahrungen von Japan. Lass uns doch auch mal 20 Jahre lang nicht ganz so weit vorne mitspielen. Wir müssen nicht unbedingt das Land nach vorne bringen. Wenn die Leute es nicht wollen, dann müssen sie es auch nicht machen.

WP

Lass uns doch auch mal 20 Jahre lang nicht ganz so weit vorne mitspielen. Wir müssen nicht unbedingt das Land nach vorne bringen.

Ja, also das ist natürlich die Kehrseite der Medaille, was Veränderungen angeht. Die Menschen sind bekanntermaßen umso eher bereit dazu, je größer der negative Druck ist. Also man sagt doch, dass es eigentlich generell nur zwei emotionale Zustände gibt, in denen Menschen bereit sind, sich mit Neuerungen und Wandel zu beschäftigen: Extreme Euphorie und …

JD

… größter Schmerz.

WP

Genau, oder größter Schmerz. Wenn man es nicht mehr aushält, wenn der Druck aufgrund des aktuellen Zustands so groß ist, dann beschäftigt man sich mit Veränderung. So und das wäre natürlich eine These. Also wenn es Deutschland irgendwann so richtig scheiße geht, wenn hier im Großraum Stuttgart mit Böblingen, Sindelfingen, wo derzeit noch 250.000 Leute in unmittelbarem Umfeld der Automobilindustrie arbeiten, irgendwann nur noch 50.000 übrig sind, dann könnte es schwierig werden, oder?

JD

Ja gut, also wir haben ja solche Sachen schon in Deutschland erlebt. Also die deutsche Uhrenindustrie Mitte der 80er-Jahre, ja? Villingen-Schwenningen, Schwarzwald. Das war so ein schmerzhaftes Beispiel. Aber die haben einen Weg aus der Krise gefunden. Natürlich sind von den 3.000 Uhrenfabriken 2.500 untergegangen. Aber die 500, die nicht untergegangen sind, sind heute große, bedeutende Firmen. Also Kern-Liebers oder so. Die haben ihre angestammten Geschäftsfelder erweitert, entwickelt und verändert. Vorher haben die Federn für Uhren gemacht, jetzt machen die Federn für alles Mögliche. Aber: Es sind 2.000 runtergegangen, 2.000 plus. Und streng genommen ist nur eine Uhrenfabrik übrig geblieben, Junghans. Also das war schmerzhaft und hat auch die ganze Region richtig runtergezogen. Deswegen sollte man eigentlich die Schmerzen nicht herbeibeten.

Ich sehe andere Möglichkeiten. Wir können heute auch mit allem, was die Digitalisierung erlaubt, Unternehmen gründen, die gleich auf den Weltmarkt gehen. Die nicht im Schwäbischen rumfummeln müssen. Also das, was ich unter Global Born verstehe. Klassisches Beispiel Skype. Skype kommt aus Estland. Da hinten überhaupt nichts los. Aber mit ein bisschen schwedischer Hilfe haben sie das nach vorne gebracht. Oder Spotify. 2006 in Stockholm gegründet und mit einem operativen Hauptsitz in New York City. Also das sind doch die Möglichkeiten, die wir heute haben. Deswegen würde ich nicht in dieses Lamentieren einstimmen wollen. Ich würde eher sagen, hey, schaut auf die Leute, von mir aus die wenigen Leute, die Spirit haben. Helft denen, gebt denen die Möglichkeiten und unterstützt die zum Welterfolg.

WP

Da bin ich voll bei dir. Also es gibt in Metzingen NEURA Robotics. Ein Unternehmen, das im Moment noch bei, ich glaube, 300 bis 400 Mitarbeitenden steht. Also sehr mittelständisch daherkommt. Aber diese Leute kommen aus 30 Ländern. Die haben 2024 ihre gesamte Produktion aus China nach Metzingen verlegt und gelten mit ihren kognitiven Robotern als „Next German Hero“ im Robotikmarkt. Und wenn man sich diesen Markt anschaut, dann hast du es da mit echten Big Playern zu tun. Fanuc, ABB, KUKA etc. Aber die sind wohl sehr, sehr gut unterwegs. Und das ist natürlich so ein Hoffnungsschimmer, so eine Global Born-Erfolgsstory. Trotzdem glaube ich schon, dass wir in irgendeiner Form von irgendjemandem einen Impuls brauchen, der wieder etwas auslöst.

JD

Ich würde nicht auf den Messias warten.

WP

Ja, das glaube ich auch nicht, dass das eine einzelne Person ist, aber vielleicht ist es irgendeine Organisation. Ein Wirtschaftsverband, oder die Wirtschaft insgesamt. Vielleicht hilft auch schon die Prognose, dass das deutsche Wirtschaftswachstum nächstes Jahr bei 1,6 Prozent liegen soll. Vielleicht löst das diesen positiven Impuls aus. Vielleicht merken wir dann wieder, okay, es geht eben doch, wenn wir uns nicht dauernd auf unseren Problemen ausruhen.

JD

Das ist natürlich schon ein wichtiger Aspekt, aber eigentlich sehe ich viel mehr positive Sachen in Deutschland. Also wenn ich an die Universitäten gehe, was die für neue Start-ups hochbringen, was der Spirit der Leute ist. Ich meine, wir hatten die schwierigen Zeiten, vor fünf Jahren, vor acht Jahren, als ein großer Teil der arbeitenden Männer gesagt hat, ich arbeite nur halb. Die Zeiten sind vorbei. Ich habe in meinen letzten Jahren in Pforzheim die Erfahrung gemacht, dass die Studierenden versucht haben, ihr Studium so kurz wie möglich zu machen. Und unbedingt was tun wollen. Also das waren völlig andere Studenten als zehn Jahre vorher. Und dann haben wir natürlich auch eine ganze Reihe von Migranten- oder Flüchtlingskindern, die den Spirit drehen. Also ich sehe eigentlich die Aufgabe der Universitäten darin. Und es ist nicht nur eine Aufgabe. Ich sehe, die machen das. Also wenn ich die WHU anschaue, die Otto Beisheim School of Management, was die für Entrepreneurs aufstellen, also jetzt als Business School. Oder auch die TU München. Was in Heilbronn abgeht, ist der blanke Wahnsinn. Da kommen wir wieder zu dem Punkt zurück, was wir am Anfang gesprochen haben: Die Presse schreibt nicht drüber. Die Presse verbreitet lieber Traurigkeit. Aber das ist vielleicht auch egal. Weil die jungen Leute schauen das nicht an. Und die jungen Leute machen einfach Hoffnung.

WP

Wir können heute auch mit allem, was die Digitalisierung erlaubt, Unternehmen gründen, die gleich auf den Weltmarkt gehen. Die nicht im Schwäbischen rumfummeln müssen. Also das, was ich unter Global Born verstehe.

Quelle: TUM Campus Heilbronn

Das glaube ich auch, ich sehe das selbst im Umfeld meiner Tochter mit ihren 21 Jahren. Da ist nichts von dieser anscheinend so faulen Generation, die keinen Bock mehr hat auf Arbeit, überhaupt nicht. Die studieren in Höchstgeschwindigkeit, die arbeiten nebenher, die gehen ins Ausland, die machen Praktika, die sind voll aktiv. Da läuft alles.

JD

Genau, deswegen würde ich mich auf diese Negativ-Debatte nicht einlassen.

WP

Also halten wir doch mal fest, ein ganz entscheidender Impuls wird von den Universitäten kommen. Weil die einfach eine, ich sage mal, frische, neue Generation an Leuten herausbringen, die unverbraucht sind und auch die neuen Technologien beherrschen und nutzen können.

JD

Ich gehe einen Schritt weiter: Der Impuls kommt von den Studenten. Es gibt doch auch viele Universitäten, die es verhindern. Es sind wenige, die so vorangehen. Heilbronn ist für mich da einfach vorbildlich. Deshalb sehe ich das insgesamt positiv.

WP

Einverstanden. Ich habe noch eine abschließende Frage an dich: Mich treibt der Gedanke um, warum eigentlich im Moment nicht irgendeine Marke diese Chance ergreift, um diese von uns herbeigesehnte Aufbruchstimmung zu verbreiten? Dieses: Hey, es geht um die Zukunft, wir haben das drauf, wir können das. Gestern stand in der Presse, dass sich die Deutsche Telekom, IONOS und die IT-Tochter der Schwarz-Gruppe nicht auf ein gemeinsames Konzept für eine europäische KI-Gigafabrik einigen konnten. Deshalb werden sie sich jetzt mit konkurrierenden Bewerbungen um eines dieser fünf von der EU geplanten Rechenzentren bewerben. Warum ist das immer noch so in Deutschland? Warum nutzt keine deutsche Marke das in der Kommunikation? Warum positioniert sich keine der großen deutschen Tech-Marken einfach mit diesem Thema? Warum geht zum Beispiel SAP nicht mal mit sowas raus?

JD

Das ist eine gute Frage. Ich habe offen gestanden keine wirkliche Antwort drauf. SAP kommuniziert eigentlich immer nur seine Lösungen. Eine solche Art von Kampagne gibt es von denen eigentlich nicht. Aber ich schlage dir was anderes vor: Fahr doch mal nach Heilbronn und schau dir an, was dort abgeht, welcher Spirit da herrscht und was an diesem Ort gerade passiert.

WP

Der Dieter Schwarz, der macht da wahnsinnig viel.

JD

Das ist der Wahnsinn, was der da aufgestellt hat, das ist wirklich phänomenal. In der ersten Juliwoche findet der KI-Gipfel in Heilbronn statt. Das ist ein KI-Zentrum vom Feinsten mit 30 Professoren von der Technischen Universität München. Aber eigentlich geht das in die Richtung der Meldung, von der du vorher erzählt hast. Der Schwarz ging rum, hat die Universitäten in Stuttgart, Mannheim, Karlsruhe gefragt, ob sie 30 KI-Lehrstühle, 30 Professoren haben wollen. Dann haben die ja, aber und wenn, wenn, wenn geantwortet. Und die TU München hat Ja gesagt und verfügt jetzt über eine Dependance in Heilbronn. Eine bayerische Staatsuniversität mitten in Baden-Württemberg. Das ist doch wohl der Höhepunkt der Unfähigkeit.

WP

Ich bekomme Kopfschmerzen von der Bräsigkeit dieser Leute, die das wieder verhindert haben.

JD

Stell dir vor, wie gigantisch das gewesen wäre: Die Universitäten Stuttgart, Mannheim und Karlsruhe hätten einen gemeinsamen Uni-Campus in Heilbronn zum Thema KI gehabt. Aber sie haben es nicht hingekriegt. Sie konnten sich nicht dazu herablassen, dieses Projekt zusammen mit dem Dieter Schwarz als Gelbgeber ins Leben zu rufen.

WP

Ich glaube, ich muss dazu mal recherchieren. Ich muss dazu was schreiben. Das muss raus. Ich bekomme gerade Hautausschlag… das ist so schrecklich.

JD

Ja, mach das mal.

WP

Waldemar, trotzdem, ich möchte nicht mit dieser frustrierenden Geschichte enden. Deshalb ziehen wir beide jetzt einfach ein positives Fazit für uns. Halten wir fest: Du hast überhaupt nicht in Frage gestellt, dass Psychologie in der Wirtschaft und für wirtschaftliche Erfolge einen erheblichen Einfluss hat. Zweitens: Du hast uns die Grundprinzipien des H2H-Marketing auf das Thema Psychologie und Wirtschaft runtergebrochen und dargestellt, wie perfekt ein neues Mindset damit herbeigeführt werden könnte. Am besten mit einem kräftigen Schuss Design Thinking. Drittens: Wir glauben beide an die Power der jungen Generation, die neue Technologien anders annimmt und beherrscht als wir und die einen Wandel einleiten wird in diesem Land.

JD

Auf jeden Fall für sich. Und möglicherweise auch fürs Land. Aber die sind auch bereit, woanders hinzugehen.

WP

Genau, deshalb sollten wir auf sie aufpassen.

JD

Das wird die Aufgabe der Universitäten sein. Und der Unternehmen, die sie einstellen.

WP

Das ist doch ein schöner Abschluss unseres Gesprächs. Lieber Waldemar, vielen Dank.

JD

Ich danke dir. Bis zum nächsten Mal.

WP

Ich gehe einen Schritt weiter: Der Impuls kommt von den Studenten.

Autor
Jörg Dambacher
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