Mach doch Dual Use: Die deutsche B2B-Elite goes Rüstung.

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30.07.2026

Es ist mittlerweile jedem klar, die Presse ist voll davon: Einer der spannendsten wirtschaftspolitischen Trends in Deutschland ist der aktuelle Boom der Rüstungsindustrie. Der VDMA zählt mittlerweile 600 Unternehmen, die offiziell in der Rüstungsindustrie tätig sind.

Ein große Verschiebung

 

Deutschland erlebt damit möglicherweise die größte industrielle Verschiebung seit dem Ende des Kalten Krieges – nur diesmal in die entgegengesetzte Richtung.

Die deutsche Rüstungskonjunktur wird dabei nicht nur von den klassischen, spezialisierten Waffenherstellern getragen. Sie zieht Kompetenzen aus der gesamten industriellen Basis an – von Nutzfahrzeugbauern über Automobilzulieferer bis hin zu Maschinenbauern und KI-Start-ups. Die Grenze zwischen ziviler und militärischer Produktion wird dadurch zunehmend durchlässig.

Erst Krise

 

Verantwortlich dafür sind zwei parallele Entwicklungen: Zum einen erleben wir seit einigen Jahren die strukturelle Schwäche klassischer Industriebranchen – vor allem bei den Automobilherstellern samt Zulieferern und im Maschinenbau. Seit 2018 wachsen Produktion und Wertschöpfung nicht mehr. Giganten wie Bosch, ThyssenKrupp oder VW sind schon länger am Ächzen. Deutschland verliert zurzeit täglich 15.000 Arbeitsplätze (Handelsblatt 02/07/26).

Dann Kriege

 

Dann kam im Februar 2022 der russische Angriff auf die Ukraine. In Europa wuchs die Überzeugung, dass man langfristig deutlich mehr für die eigene Sicherheit zahlen muss. In der Folge beschloss die Regierung Scholz ein 100 Milliarden schweres Sondervermögen für die Bundeswehr, das auch ausgegeben werden soll. Seitdem jagt bei den Verteidigungsausgaben eine Rekordsumme die nächste. Das Budget ist unter Merz in 2025 auf tatsächliche 147,5 Milliarden angewachsen (Handelsblatt 02/07/2026). Neue Konflikte wie der durch die USA und Israel initiierte Irankrieg schufen eine Stimmung, bei der die hohen Militärausgaben für die nächsten Jahre stabil bleiben dürften.

Zurzeit treffen die freien Kapazitäten, verfügbaren Fachkräfte und Produktions-Know-how aus der kriselnden „Normalwelt“ also auf einen boomenden Defence-Markt. Für die meisten Unternehmen ist das attraktiv, weil der Auftraggeber Staat für hohe Planungssicherheit und langfristige Verträge sorgt. Die Bundeswehr hat mit dem Cyber Innovation Hub (CIH) in Berlin eigens eine Stabstelle installiert, die dafür sorgen soll, dass Start-ups mit guten Ideen und die Truppe zusammenfinden.

Klassische Rüstungsunternehmen treffen auf Newcomer

 

Die deutsche Rüstungskonjunktur wird nicht nur von spezialisierten Waffenherstellern getragen. Sie zieht Kompetenzen aus der gesamten industriellen Basis an – von Nutzfahrzeugbauern über Automobilzulieferer bis hin zu Maschinenbauern und KI-Start-ups. Die Grenze zwischen ziviler und militärischer Produktion wird dadurch zunehmend durchlässig.

Zunächst waren es die etablierten Rüstungsunternehmen, die von der neuen Sicherheitslage unmittelbar profitierten. Rheinmetall baut seine Munitionsproduktion massiv aus, steigt in die F-35-Lieferkette ein und investiert in neue Felder wie Satellitentechnologie. KNDS erhöht die Produktionskapazitäten für Leopard-Panzer und Artilleriesysteme, während Diehl Defence mit dem Luftverteidigungssystem IRIS-T weltweit an Sichtbarkeit gewonnen hat. Auch ThyssenKrupp Marine Systems verzeichnet volle Auftragsbücher bei U-Booten und Marineschiffen.

Doch der Boom reicht inzwischen weit über die klassischen Rüstungsunternehmen hinaus. Immer mehr Industrieunternehmen entdecken Defence als strategisches Wachstumsfeld. Daimler Truck bündelt seine Aktivitäten mittlerweile unter der Marke „Daimler Truck Defence“ und plant milliardenschwere Umsätze in diesem Bereich. MAN und Mercedes-Benz Special Trucks bauen ihre militärischen Geschäftsfelder ebenfalls aus.

Gleichzeitig prüfen zahlreiche Zulieferer neue Möglichkeiten im so genannten „Dual-Use“-Segment – der parallelen Eignung von Produkten für zivile und militärische Zwecke. Unternehmen wie Schaeffler, ZF, Bosch oder Continental verfügen über Kompetenzen in Sensorik, Elektronik, Software und Antriebstechnik, die sowohl zivil als auch militärisch genutzt werden können.

Der Maschinenbau profitiert ebenfalls: Lasertechnik, Präzisionsmaschinen und Automatisierungslösungen von Unternehmen wie Trumpf, DMG Mori oder Siemens sind unverzichtbar für moderne Fertigungsprozesse in der Verteidigungsindustrie. Hinzu kommt eine neue Generation technologiegetriebener Unternehmen. Start-ups wie Helsing, Quantum Systems, Parasol Defence oder ARX Robotics bewegen sich mit ihrem militärischen High Tech zwischen Satellitennetzwerken, künstliche Intelligenz, Drohnentechnologie und Robotik und prägen damit die nächste Entwicklungsstufe der europäischen Defence-Industrie.

Der Aufschwung ist inzwischen in nahezu allen industriellen Clustern Deutschlands sichtbar – vom Maschinenbau in Baden-Württemberg über die Technologieunternehmen in Bayern (s.o.) bis zur klassischen Rüstungsindustrie in Nordrhein-Westfalen und Norddeutschland.

Was bedeutet das für die Unternehmen als Marken?

 

Für viele Unternehmen ist der Einstieg in das Defence-Geschäft nicht nur eine strategische, sondern auch eine kommunikative Weichenstellung. Denn mit neuen Märkten verändern sich auch Markenbilder, Arbeitgeberattraktivität und gesellschaftliche Erwartungen.

Im Mittelpunkt steht die Frage der Akzeptanz. Unternehmen müssen erklären, welchen Beitrag ihre Produkte und Technologien für Sicherheit, Resilienz und die Verteidigungsfähigkeit Europas leisten. Die Kommunikation verschiebt sich damit vom Begriff der Rüstung hin zu Themen wie Schutz, Souveränität und technologische Unabhängigkeit. 

Ebenso wichtig ist die Arbeitgebermarke. Ingenieure, IT-Spezialisten und Fachkräfte erwarten heute einen klaren gesellschaftlichen Purpose. Unternehmen müssen vermitteln, warum ihre Technologien relevant sind und welche Verantwortung sie übernehmen.

Gerade für Industriekonzerne mit zivilen und militärischen Geschäftsfeldern wird die Positionierung anspruchsvoller. Dual-Use-Technologien bieten die Chance, Innovationen sowohl als wirtschaftlichen als auch als gesellschaftlichen Beitrag zu kommunizieren und bestehende Markenwerte weiterzuentwickeln. Wie potenzielle Arbeitnehmer darauf reagieren, ist eine Frage der jeweiligen Werte und Einstellungen. Für manche Kandidaten scheiden Unternehmen mit Militärportfolio sicher aus – bei den anderen hilft es auf jeden Fall, wenn man den eigenen Unternehmenszweck sauer und transparent untermauert.

Der Defence-Boom ist deshalb nicht nur eine industriepolitische, sondern auch eine markenstrategische Herausforderung. Wer als B2B-Unternehmen neue Geschäftsfelder erschließt, muss zugleich seine gesellschaftliche Rolle neu erklären. Für Marken- und Kommunikationsspezialisten eine spannende Aufgabe, die man strukturiert und mit viel Know-how angehen muss.

Autor
Markus Koch
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