Der Tempel des automobilen Reisens. Mit Markenwirkung.
Das Erwin Hymer Museum

Marke People Data & Tech Lifestyle
21.10.2026

Der 1930 in Bad Waldsee geborene Maschinenbauingenieur Erwin Hymer sammelte sein Leben lang alles, womit man unterwegs und gleichzeitig zuhause sein konnte. Und er wollte schon immer sein eigenes Museum daraus machen. Ein Besuch in der ganzen Welt des automobilen Reisens.

Der Mensch 

Der gebürtige Bad Waldseer Erwin Hymer war Maschinenbauingenieur und begann seine berufliche Laufbahn beim Flugzeughersteller Dornier. Vielleicht erklärt das, warum er nicht ausschließlich in Durchlaufzeiten, Produktivität und Bearbeitungstechniken dachte, sondern auch in Leichtbau, platzsparenden Konstruktionen und neuen Materialien. 1957 gründete er gemeinsam mit Erich Bachem die Firma Eriba. Als erster großer Erfolg der beiden gilt der Eriba-Troll, dessen charakteristische Bauweise ihn zum Klassiker des europäischen Caravanings machte.

In den 1960er- und 1970er-Jahren entwickelte sich aus dem kleinen Hersteller ein Unternehmen, das den Reisemobilmarkt entscheidend prägte. 1971 brachte Hymer das erste Hymermobil auf den Markt – einen teilintegrierten Motorcaravan, der Wohnen und Fahren konsequent miteinander verband. Der Name Hymer wurde im Laufe der Jahre zunehmend zum Synonym für eine neue Art des Reisens: Man war unterwegs nicht mehr auf Hotels, Pensionen oder Ferienwohnungen angewiesen. Man konnte sein Zuhause einfach mitnehmen.

Hymer war nicht nur Tüftler, Entwickler, Unternehmer, sondern auch leidenschaftlicher Sammler. Auch hier blickte er weitsichtig und konsequent über seinen Tellerrand hinaus: Seine Begeisterung galt neben den eigenen Produkten der gesamten Geschichte des Reisens auf Rädern. Aus dieser Leidenschaft entstand eine Sammlung, die heute den Grundstock des Erwin Hymer Museums bildet. 

Die Erwin Hymer Group

Hymer sammelte nicht nur historische Fahrzeuge, er sammelte auch Marken. Was 1957 mit dem Bau von Wohnwagen begann, wuchs über Jahrzehnte durch neue Produkte, Übernahmen und Integration anderer namhafter Hersteller zu einem breit aufgestellten Markenverbund. Die Besonderheit: Erwin Hymer lies den Marken ihre eigene Identität. Und die werden bis heute gepflegt: Hymer steht für Hochwertigkeit und Premium, Dethleffs für Familienfreundlichkeit aus Tradition, Bürstner für wohnliches Design, Eriba für Kompaktheit und Aerodynamik, Niesmann+Bischoff bedient das Luxussegment. Sunlight, Carado und Etrusco befinden sich im preisorientierten, volumenstarken Segment. Diese Markenvielfalt ist bis heute wesentlicher Teil der Strategie. Mit der Übernahme durch THOR Industries 2019 wurde Hymer Teil des weltweit größten Freizeitfahrzeugkonzerns. Die europäische Markenvielfalt blieb erhalten, wurde aber in eine globale Unternehmensstruktur eingebettet. 2024/25 verkaufte die Gruppe rund 44.000 Fahrzeuge, erzielte etwa 3 Milliarden US-Dollar Umsatz und beschäftigte rund 7.700 Menschen. 

Campingkultur der Nachkriegszeit: kompakte Wohnwagen und mobiles Zuhause im Kleinformat.

Historische Caravans und Zugfahrzeuge zeigen die frühen Jahre des automobilen Reisens.

Die Ausstellung führt Besucher durch verschiedene Epochen des mobilen Reisens.

Frühe Caravan-Gespanne machten individuelles Reisen und Urlaub auf Rädern erstmals massentauglich.

Das Museum

Man muss nicht weit fahren, um die Geschichte des automobilen Reisens zu erleben. Ein Besuch im Erwin Hymer Museum in Bad Waldsee reicht. Ob kompakte Wohnwagen aus den Wirtschaftswunderjahren, kuriose Eigenbauten aus der DDR, amerikanische Silverliner in Appartmentgröße oder Wohnluxus auf Rädern - alle Fahrzeuge erzählen ihre eigene Geschichte und davon, wie aus dem Campingurlaub eine Lebenseinstellung wurde. 

Die 2011 eröffnete Ausstellung geht somit weit über eine Hommage an den Namensgeber oder die Marke Hymer hinaus. Auf mehr als 6.000 Quadratmetern erzählt sie Geschichten von Kultur und Technik des mobilen Reisens. Mehr als 80 historische Fahrzeuge, Caravans, Reisemobile, Campingbusse, Autos und Motorräder aus aller Welt lassen sich hier bestaunen. Dabei begegnet man glänzend restaurierten Klassikern, skurrilen Einzelstücken, technischen Pionierleistungen und den ganz persönlichen Geschichten hinter dem Wunsch, einfach loszufahren. Die Fahrzeuge zeigen die technische Entwicklung und erzählen vom gesellschaftlichen Wandel, vom Wirtschaftswunder, vom zunehmenden Wohlstand, von der Sehnsucht nach Individualität. Im Erwin Hymer Museum erleben die Besucher einen menschlichen Traum: Unterwegs zu sein, ohne auf sein Zuhause verzichten zu müssen. Das große Versprechen, aufbrechen zu können, wann immer man will. Und sein Dach über dem Kopf ständig dabei zu haben. 

Die Experience

Wir treffen uns mit Sascha Fillies, seit März 2024 Direktor des Erwin Hymer Museums. Fillies ist Kulturwissenschaftler und arbeitete zuvor beim PS.SPEICHER in Einbeck, einem Erlebnismuseum für historische Fahrzeuge und Mobilitätsgeschichte. Dort verantwortete er Aufbau und Inhalte der Ausstellung, dazu konzipierte er zahlreiche Sonderausstellungen, zum Beispiel über den Volkswagen T2, zu Marken wie Opel oder Adler und zur Geschichte der individuellen Mobilität. Heute kümmert er sich um die Weiterentwicklung des EHM. Aktuell steht die umfassende Modernisierung der Dauerausstellung an, die ab November 2026 umgesetzt werden soll und eine Wiedereröffnung im Frühjahr 2027 vorsieht. 

Beim Kaffee schildert er, dass er vom neuen Museumskonzept stärkere Wirkung der Fahrzeuge auf die Besucherinnen und Besucher erwartet. Dafür müssen die Leute seiner Ansicht nach mehr erfahren, das Exponat muss seine Geschichte erzählen können. Und das geht über ein, zwei Texttafeln hinaus. Sein Lieblingsbeispiel ist der alte VW T1 Bus in der Ausstellung. Auf den ersten Blick vollkommen malad, irgendwie von Farbe und Spachtelmasse zusammengehalten. Im Innenraum ein Ersatzmotor, daneben jeglicher Kram - alles in allem ein fürchterliches Durcheinander. Mit diesem Fahrzeug waren in den 70er-Jahren Menschen über Land auf dem Hippie-Trail nach Indien unterwegs. Es gibt ein Buch zu diesen Reisen und man kann sich vorstellen, welche unglaublichen Abenteuer dort passiert sind. „Im neuen Konzept wollen wir diesen Exponaten und ihren Geschichten mehr Raum geben. Also bringen wir sie zum Sprechen. Wir wollen, dass die Leute begreifen, erleben können, was dem Fahrzeug und den Menschen, die damit gereist sind, alles passiert ist.“ Man darf also gespannt auf die neue Ausstellung und den neuen Ansatz des Storytellings sein. Ein weiterer Besuch im nächsten Jahr dürfte sich lohnen. Übrigens: Der einstige Ober-Hippie, immer noch Besitzer des Fahrzeugs, besucht sein Heiligtum regelmäßig im Museum und kümmert sich drum. 

Museumsdirektor Sascha Fillies

Auf die Frage, was Erwin Hymer dazu bewogen hat, sein Museum nicht in München, Stuttgart oder Berlin zu bauen, antwortet Sascha Fillies: „Hymer kam aus der Region, er stammte von hier, hat hier gelebt, gewirkt und wollte dieser Gegend mit dem Museum etwas zurückgeben. Außerdem ist Oberschwaben ja so etwas wie Geburtsstube und Heimat des automobilen Reisens.“ Fillies betont ebenfalls den ganzheitlichen Ansatz, den Hymer bei technischen Entwicklungen, bei seiner Gruppe und dem Museum verfolgte. Er sammelte von Anfang an nicht nur seine eigenen Fahrzeuge, es ging ihm um eine übergreifende Sammlung, um die Geschichte des automobilen Reisens. Und das Museum lag ihm besonders am Herzen. „Beim Bau des Museums war er voll involviert und häufig vor Ort. Es ist schön zu wissen, dass er das alles noch erlebt hat und selbst eröffnen konnte.“ 

Zum Abschluss des Gesprächs will ich wissen, welchen Beitrag seiner Meinung nach das EHM zur Wahrnehmung und zur Experience der Marke Hymer, der Marken der Gruppe, beiträgt. „Wir haben erstmal nichts mit der Erwin Hymer Group zu tun. Wir sind eine gemeinnützige Stiftung und die Group unterstützt uns. Die mieten bei uns Tagungsräume, machen Veranstaltungen hier. Dafür wurde das EHM von Anfang an konzipiert. Das heißt, wir haben geschäftlichen Kontakt miteinander, aber es besteht keine institutionelle Förderung. Dennoch gehe ich davon aus, dass wir schon maßgeblich zur Markenwirkung beitragen, ich kenne das von den Automobilfirmen, die machen das mit ihren Traditionsabteilungen und Museen ja vor.“ Man kann also davon ausgehen, dass ein Museum, das laut eigener Aussage die ganze Welt des mobilen Reisens zeigt, den Namen des Gründers, der Group und einer der wichtigen Marken trägt, eine klare Botschaft sendet: Hier ist die Heimat des automobilen Reisens. Hier erlebst du alles zur Geschichte dieser Reiseform. Und du besuchst gleichzeitig das Zentrum unserer Marke, im Kernland des automobilen Reisens, mit Werk, Entwicklung und großem Händler in unmittelbarer Nähe. Ganz sicher leistet das EHM seinen Beitrag, die Menschen nicht nur für die Reiseform, sondern auch für das Unternehmen des Firmengründers, das dieses Museum auf die Beine gestellt hat, zu begeistern. Mit interessanten Exponaten und inspirierenden Geschichten, die oft auch Markengeschichten sind. Es bestätigt Markenpräferenzen, liefert sachliche wie emotionale Argumente und macht einfach Lust auf mehr. 

Als hätte dieser Eindruck eine Bestätigung gebraucht, begegnen wir beim anschließenden Rundgang mit persönlicher Führung durch Sascha Fillies zahlreichen Mitgliedern mehrerer deutscher Campingclubs. Erkennbar an Hoodies und T-Shirts, die sie tragen. Fans der Reiseform, Fans der Marke, zumindest einer aus der Group. Und wenn sie es vor der Ausstellung nicht waren, dann werden sie es garantiert danach sein. Denn ein Besuch lohnt sich, in Bad Waldsee, in der ganzen Welt des automobilen Reisens.

Fotos: Emma Dambacher, Erwin Hymer Museum 

Autor
Jörg Dambacher
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