WHO THE FUCK CARES ABOUT MACHINE DESIGN?

Interview mit Dominic Schindler, Founder Schindler Creations GmbH

„Die Linienführung der Präzisionsfräsmaschine WMU 56 erinnert an eine Raubkatze im Sprung – unverkennbar an der geschwungen fallenden Dachlinie sowie an der sogenannten ‚Dropping Line‘ des Seitendesigns. Diese Linienführung der WMU 56 beginnt an der oberen Ecke der Durchgangsspindel, fällt spannungsvoll nach hinten ab und...

„Die Linienführung der Präzisionsfräsmaschine WMU 56 erinnert an eine Raubkatze im Sprung – unverkennbar an der geschwungen fallenden Dachlinie sowie an der sogenannten ‚Dropping Line‘ des Seitendesigns. Diese Linienführung der WMU 56 beginnt an der oberen Ecke der Durchgangsspindel, fällt spannungsvoll nach hinten ab und reicht bis zum triangulären Schlitten. Dessen ausgeprägte Schultermuskeln betonen den Charakter dieses einzigartigen Fräsmaschinenkonzepts.“

„HÄ? DIE PILLEN, DIE DER TEXTER EINGEWORFEN HAT, MÜSSEN TEUER GEWESEN SEIN!“, WERDEN SIE JETZT MÖGLICHERWEISE DENKEN. WAS IST DA PASSIERT? GANZ EINFACH:

Wir haben in der Designbeschreibung eines deutschen Premium-Fahrzeugs die Produktdetails durch Begriffe aus dem Maschinenbau ersetzt. Liest sich befremdlich, oder? Welche Rolle spielt also das Design bei B2B-Produkten wie Werkzeugmaschinen? Darüber sprachen wir mit dem renommierten Schweizer Designer Dominic Schindler, Founder der Schindler Creations GmbH.

 IST DAS DESIGN BEI EINEM B2B-PRODUKT ÜBERHAUPT VON BELANG ODER KOMMT ES NICHT AUSSCHLIESSLICH DARAUF AN, DASS ES PRÄZISE UND ZUVERLÄSSIG FUNKTIONIERT?

DS _ Zunächst einmal möchte ich festhalten, dass wir uns nicht primär um das äußere Bild, das Oberflächendesign von Maschinen und anderen Produkten kümmern. Es geht uns vielmehr um die optimale User Experience – die sich am Ende dann im äußeren Bild, im Design, manifestiert. Oder anders ausgedrückt: 80 bis 90 % von dem, was wir tun, verbergen sich unter der Oberf läche des Produktes und nur ca. 10 % sind sichtbar. Darauf liegt der Fokus bei der Entwicklung von industriell genutzten Produkten und nicht nur auf Maschinen.

IM MITTELPUNKT IHRER ARBEIT STEHT ALSO DER MENSCH, DER USER?

DS _ Ganz genau. Früher lautete der Auftrag meist: Hauptsache, es funktioniert gut und ist günstig. Das hat sich komplett geändert. Heute ist man sehr viel emotionaler orientiert und die Anforderung an ein Produkt oder eine Dienstleistung ist, sie für den User besser und sicherer zu machen.

IST IHRER MEINUNG NACH DER KUNDE BEREIT, EINEN HÖHEREN PREIS FÜR EINE ÄSTHETISCHERE MASCHINE ZU BEZAHLEN?

DS _ Es geht nicht um Ästhetik. Es geht für uns darum, die Arbeit und die Erfahrung des Users zu verbessern, sie weniger anstrengend zu machen oder sie zu vereinfachen. Also, um die Frage nach der Bereitschaft für einen höheren Preis für mehr Ästhetik zu beantworten: grundsätzlich nein! Aber wenn der Kunde erkennt, dass er weniger Stress mit dem Produkt hat und dass es einfacher zu bedienen ist, ist er auch bereit, mehr zu bezahlen. Ich gebe ein Beispiel: In den Zeiten vor iPhone hat man ein Mobiltelefon, zum Beispiel von Nokia, quasi umsonst bekommen. Aber als das iPhone auf den Markt kam, waren die Leute, ohne mit der Wimper zu zucken, bereit, dafür 600, 700 Euro hinzublättern – und zwar unabhängig vom sozialen Status. Vom CEO bis zur Reinigungskraft wollte plötzlich jeder ein iPhone haben. Warum? Weil es den Tagesablauf einfacher und komfortabler gemacht hat. Und erst in zweiter Linie, weil es auch noch schick aussah.

» Bei uns werden Produkte von Menschen für Menschen entwickelt

WIE GEHEN SIE NORMALERWEISE BEI DER ENTWICKLUNG VOR?

DS _ Wir stellen uns immer in den Dienst der Kunden. Bei der Entwicklung eines Produktes denken wir in drei Kategorien. Service-Design, Interaction-Design und Industrial-Design. Das heißt, wir denken an den Gesamtprozess. Um bei dem Beispiel iPhone zu bleiben: Man entwickelt die Interaktion zwischen Mensch und Maschine sowie Services und Dienstleistungen (z. B. iTunes) und weniger ausschließlich die Hülle.

WORAUF KOMMT ES DABEI HEUTE UND IN ZUKUNFT BESONDERS AN?

DS _ Bei uns werden Dienstleistungen und Produkte von Menschen für Menschen entwickelt. Wir unterstützen unsere Partner sehr stark mit dem Aufbau von Industrie 4.0 und der gesamtheitlichen Unternehmensökologie – immer mit dem Fokus den Mensch bei allen Entwicklungen in den Mittelpunkt zu stellen. Das wird auch in Zukunft so sein. Schon heute und noch viel stärker in der Zukunft spielen dabei die Vernetzung und Digitalisierung eine entscheidende Rolle. Und zwar im kommerziellen wie im privaten Bereich. Früher gab es lauter Insellösungen. Das Telefon, die Stereoanlage, das Auto, Leuchten, Taschenrechner, Computer usw. Alles hat unabhängig voneinander funktioniert. Mit dem Internet der Dinge sind all diese Funktionen untereinander verknüpft und können miteinander kommunizieren. Im industriellen Bereich gab es Roboter, Fräsmaschinen, Schleifmaschinen, Gabelstapler etc. und alles wurde eigenständig behandelt. Mit Industrie 4.0 ist alles zu einer einzigen Sache geworden, bei der es am Ende darauf ankommt, ein Teil möglichst effizient und in möglichst hoher Qualität zu produzieren.

WELCHE UNTERSCHIEDE ZWISCHEN KONSUMGÜTERN UND INDUSTRIEGÜTERN BESTEHEN BEI DER DESIGNENTWICKLUNG?

DS _ Im B2C-Bereich legen die Kunden sehr viel mehr Wert auf das äußere Bild, das Oberf lächendesign. Im B2B-Bereich ist Design noch nicht so stark im Mindset der Kunden verankert. Hier stehen Faktoren wie Bedienerfreundlichkeit, Zuverlässigkeit usw. im Vordergrund. Aber das ändert sich gerade. Design wird in Zukunft auch hier eine wichtigere Rolle spielen.

» Grundsätzlich ist Design Chefsache

WER ENTSCHEIDET AUF KUNDENSEITE ÜBER DAS DESIGN?

DS _ In der Vergangenheit war das ganz klar Chefsache. Interessant zu sehen ist, dass heute Entscheidungen viel kollaborativer und agiler gemacht werden als noch vor wenigen Jahren.

MIT WELCHEN TRENDS KÖNNEN WIR IM B2B-DESIGN KÜNFTIG RECHNEN?

DS _ In Zukunft wird das Design so weiterentwickelt, dass sich der User über die Bedienung keine Gedanken mehr machen muss. Zum Beispiel werden ihm an einer Maschine nur noch die Funktionen und Bedienelemente angezeigt, die im jeweiligen Arbeitsschritt sinnvoll sind und nicht mehr so wie heutzutage, wo viele Funktionen vorhanden sind aber gar nicht gebraucht werden. Die Bedienung wird also noch wesentlich intuitiver als heute.

ZUM SCHLUSS EINE FRAGE IN EIGENER SACHE: RTS RIEGER TEAM DURFTE VOR EINIGER ZEIT DAS CORPORATE DESIGN VON DS NEU GESTALTEN. WARUM HABEN SIE ALS DESIGNUNTERNEHMEN DAS NICHT SELBST GEMACHT?

DS _ Weil wir Entwickler sind und keine Marketing-Experten. Jeder sollte das machen, wovon er am meisten versteht. Wir würden ja auch nicht auf Sie zukommen, um von Ihnen ein Maschinendesign entwickeln zu lassen.

WIR DANKEN IHNEN FÜR DAS GESPRÄCH!

INTERVIEWER \ Ekkehard Haug


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