What you see is what you get – oder auch nicht

STEFIS GLOSSE

Neulich stand ich stadtauswärts an einer roten Ampel. In meinem Rückspiegel näherte sich geschmeidig ein eleganter Kühlergrill mit einem schmucken Auto dran. Mercedes E-Klasse Limousine. Schwarz. Niederquerschnittsreifen. Wahrscheinlich AMG-Sport-Paket. Der Kühlergrill im Spiegel war für mich wie eine deutlich formulierte Handlungsanweisung eines Fahrzeuginsassen, den ich...

Bildschirmfoto 2017-07-06 um 16.35.06

Neulich stand ich stadtauswärts an einer roten Ampel. In meinem Rückspiegel näherte sich geschmeidig ein eleganter Kühlergrill mit einem schmucken Auto dran. Mercedes E-Klasse Limousine. Schwarz. Niederquerschnittsreifen. Wahrscheinlich AMG-Sport-Paket.

Der Kühlergrill im Spiegel war für mich wie eine deutlich formulierte Handlungsanweisung eines Fahrzeuginsassen, den ich nie gesehen habe und doch gut zu kennen glaube: Herr – nennen wir ihn mal Michael Mustermann – ist 56 Jahre alt, noch passabel in Shape, die Haarpracht grau meliert und fast vollständig. Sein Boss-Anzug alternativlos. Dazu schwarze oder braune, aber niemals hellbraune Budapester. Frühaufsteher, Golfspieler, Weintrinker, in Kombination mit Fußball nebst gemeinschaftlichem Grölen auch mal Bier. Verheiratet mit Sabine, weil eine Scheidung von Sabine echt teuer wäre. Eins von zwei fast erwachsenen Kindern wird nicht so, wie es werden soll. Trotz allem ist Michael Mustermann der Wirt eines unkontrolliert wuchernden Selbstbewusstseins, das einst von Fußball, dann von Weibsbildern und jetzt von Geld genährt wird. Seine Führungsqualit.t ist hervorhebenswert und auch seine anpackende Art zeichnet ihn aus. Die Ungeduld im Straßenverkehr rundet Michaels Charakterbild ab, wie die Kirsche auf dem Amarenabecher.

„So, Mutti, ich habs eilig. 8.30 Uhr: Vorstandssitzung …“, quengelt drängelnd Herr Mustermann hinter mir. Ich höre ihn nicht, und doch spüre ich ihn sprechen – in seinem Testosteronvehikel. „Du mich auch, Fatzke“, sage ich zu ihm und lasse Herrn Mustermann, noch bevor es grün ist, in einem Gestank aus Kupplung und warmem Reifenabrieb zurück.

Mutti fährt also mit quietschenden Reifen davon, was an sich schon eine Leistung ist. Mein Touran: vier Räder. 1,2-TSI-Motor. Innenausstattung serienmäßig mit Brösel und Grind. Heißt 0–100 km/h in 11,3 Sekunden. Macht zu den 3,4 Sekunden des Fahrzeugs hinter mir eine Differenz von 7,9 Sekunden, die man nur mit Optimismus und einem schnellen Start kompensieren kann. Etwa 100 Meter und elf Sekunden später – in Erwartung von Drängelmichis Kühlergrill in meinem Kofferraum – schaue ich erneut in den Rückspiegel und sehe sehr weit hinten am Horizont einen fröhlichen schwarzen Punkt, der sich langsam bewegt. Vier selbstbewusste AMG-Felgen gurken glitzernd und tiefenentspannt vor sich hin.

Hä? Wo bleibt der denn jetzt?
Normalerweise habe ich eine ausgezeichnete Menschenkenntnis und bin in der Lage, aus äußeren Mustern blitzschnell lebenswichtige Informationen abzuleiten. Für die Informationen gibt’s Schubladen und kleine Zettel, die man vorne in das Schubladenzettelfenster steckt. Da steht dann „Fatzke“ oder so drauf. Dann machen wir die Schublade schön zu und am besten nicht mehr auf.

Meine Theorie hat also einen Haken. Die Schublade, in die ich Michi stopfe, klemmt. Irgendwo im vorderen Drittel zwischen Felgen und Selbstgerechtigkeit lugt so was wie freundliche Zurückhaltung heraus. Irgendwas stimmt nicht: Das waren doch wohl eindeutige Signale. Schwarz/Sportwagen/Mann am Steuer. Wenn nur einer der drei Faktoren nicht so gewesen wäre, hätte ich nicht Gas gegeben wie die f lotte Uschi. Dasselbe Auto in Orientbraunmetallic zum Beispiel oder als Kombi oder mit Frau am Steuer. Ganz andere Schublade. Oder nochmal anders: Opel Astra und Mann mit Hut. Der wird einen nicht bedrängen. Nicht im Straßenverkehr und auch sonst nicht. Er wird dich belehren und dir am Flaschencontainer den Tag versauen, aber niemals wird er dich auf der linken Spur von hinten angehen. Denn wo fährt ein Mann mit Hut? Richtig: auf der Mittelspur. Das Klischee ist so alt, wie es langweilig ist, und außerdem aus dem Reich der Legenden. Denn wer hat schon mal einen Mann mit Hut in einem Auto gesehen? In echt, meine ich?

Trotzdem: Schubladen sind Orientierungspunkte. Ein Notleitsystem mit einer gemeinsamen Sprache. Damit wir nicht gefressen, gehauen oder gesonstwas werden. Oder eben wenigstens wissen, wann wir verdammt noch mal die linke Spur frei machen sollen. Wenn jetzt jeder dahergefahrene Mercedes-Sportwagenfahrer meint, dass er einen auf „Ich lass mich nicht in eine Schublade stecken“ machen kann, bringt er das Gleichgewicht des Miteinanders durcheinander. Die fragile Symbiose aus Vorurteilen, Oberf lächlichkeit und dem daraus resultierenden Handlungsleitfaden ist schwer in Gefahr. Merke: Wenn’s keine Schubladen mehr gibt, bricht Chaos aus. Ich gehe vom Gas und lasse Herrn Mustermann aufschließen. Ich will sehen, ob vielleicht doch Sabine am Steuer sitzt, weil ihre A-Klasse in der Werkstatt ist und Michael neuerdings gerne mit dem Fahrrad zur Arbeit fährt, was mich an ihrer Stelle stutzig machen würde. Als das schwarze Auto nahe genug ist, stelle ich mit Enttäuschung fest:

1. Mann fährt selbst.
2. Richtig sympathisch sieht er aus, der Michi.

(...)
Vielleicht rührt ihm die Sabine ja in letzter Zeit ein bisschen was für die Psyche in den Blaubeer-Quark. Dann ist er ja im eigentlichen Sinn und ohne Medikamente doch ein Fatzke.

AUTORIN \ Stefanie Walkenfort