Von der Bürde der Freiheit

Stefis Glosse
\\ September 29, 2014

\\ B2B 02/2014

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Früher war alles irgendwie einfacher.

  1. Freitags: iglo-Fischstäbchen.

  2. Samstags: Wetten, dass.. ?

  3. Sonntags: Tatort.

  4. Jungs: bolzen.

  5. Mädchen: kratzen.

  6. Auto: deutsch (für tüchtige Menschen Mercedes, für noch tüchtigere Porsche, für Leute, die irgendwas falsch gemacht haben, Opel).

  7. Apfel: gesund.

  8. Familie: Papa, Mama, Kind (und zwar in der Reihenfolge).

  9. Amalgam: voll o.k.

  10. Achselhaare: auch o.k.

  11. Joghurt: Danone.

  12. Stress: nicht die Bohne.


Das Ende des sorgenfreien Lebens aber begann so: Ein unflätiger ausländischer (!) Autokonzern ätzte seine Botschaft in die Fontanelle der nichtsahnenden Mitbürger mit folgenden Worten:

 

Nichts ist unmöglich.


Über 80 Millionen Leute werden diesen Satz ihr Leben lang (!) nicht sprechen können, ohne einen synaptischen Klang zu hören. Werbefachleute aus ganz Deutschland machten aus Neid 30 Jahre lang ein langes Gesicht.

Es sollte eine Botschaft sein, die unser Leben verändert. Alles ist möglich! Es gibt mehr auf unserer schönen Welt als VW und Opel, Hanuta und Duplo, Ariel und Persil, Schwarz und Rot. Es gab also eine Option. Es gab einen Weg aus der Langeweile.

Wir befreiten uns.

„Alles ist möglich!“, skandierten die Massen und kauften sich erst einmal ’ne Schüssel und vertrieben Frank Elstner aus dem Wohnzimmereinbauschrank. 13 neue Sendestationen brachten noch mehr Weisheiten fürs Leben. So hörten wir schnell, dass Haribo die Kinder froh und o.b. die selbstsichere Frau sicher noch selbstsicherer macht. Hummer – Spargel – Blatt-Sa-la-te gibt’s nur mit Blan-chet. Während Katzen ihr Menü – und das wissen wir erst jetzt – gerne mit einem Petersilienblatt degustieren. Außerdem hat man mit einem Mercedes keine Panne und wenn doch, kriegt man von seiner Frau eine gescheuert.

Wir waren frei und wussten Bescheid. Dachten wir. 200 Sender und ein Internet später war klar: Freiheit ist was anderes. Alles. Für alle. Von allen. Überall. Wo es vor 20 Jahren noch schwer war, am Samstagnachmittag noch ein Hanuta zu organisieren, kann sich der befreite Mensch heute online die gebrauchte Unterhose eines einbeinigen zwielichtigen anderen Menschen von irgendwoher nach Hause liefern lassen (in ein bis drei Werktagen). Jetzt erst verstehen wir: Nichts ist unmööööglich!

Und da war sie geboren, die omnipotente Multioption.

Zögling einer gierigen Gesellschaft und Mutter aller Sorgen zugleich. Nach Einführung der Frühstückscerealie begann die Ära der Verwirrung. Heute stehen Tausende ratlos vor einer Armada von Joghurts, die Gutes versprechen. Abwehrkräfte steigernd, linksdrehend, rechtsdrehend, mit Cerealien, mit Liebe (?), ohne Zusatzstoffe, ohne Fett, ohne Geschmack, ohne Scharf, echtes Bio, falsches Bio, umweltfreundlich verpackt oder in einem Plastikbecher, der Krebs verursacht und im Sonderangebot ist, aber morgen schon abläuft. Da muss das Hirn schon arbeiten, bis es uns mit einer Entscheidung überrascht.

Zwischenfazit:

Seit es Cerealien gibt, knirscht jeder zehnte Deutsche nachts mit den Zähnen.

Gefachsimpelt und gesimplified:

Mit einem großen Seufzer stellen Wissenschaftler und Ärzte eine chronische Verkomplizierung der Gesellschaft fest. Zähneknirschend geben wir zu: Freiheit ist eine Bürde. Und so keimt nach und nach ein kleiner großer Wunsch in unserer modernen Gesellschaft: „Alles soll einfacher werden.“ Das wird es aber nicht, liebe Mitbürger. Denn wer wählen will, muss sich quälen. Das wusste man schon vor Frank Elstner. Die Welt wird nicht einfacher, aber die netten Leute aus der Werbung machen, dass du denkst, es wäre einfach und es gäbe ohnehin nur die eine richtige Entscheidung.

In diesem Sinne:

Das Auto.


Äh, der Autor.