Über kommunikative Dissonanzen in der Mode

ODER: WARUM KLEIDUNG NICHT LÜGT

WIR ALLE STEHEN TÄGLICH VOR DER FRAGE: WAS ZIEHEN WIR AN? ABER EIGENTLICH STECKT DAHINTER EINE GANZ ANDERE FRAGE: WAS MÖCHTEN WIR MIT UNSERER KLEIDUNG KOMMUNIZIEREN? DIE KOMMUNIKATIVE RELEVANZ VON MODE-DESIGN IST ENORM WICHTIG. JEDES STYLING VERMITTELT EINE BOTSCHAFT. ABER WAS GENAU IST DIESE BOTSCHAFT, DIE WIR MIT UNSERER KLEIDUNG VERMITTELN WOLLEN?...

Bildschirmfoto 2015-10-16 um 09.29.56WIR ALLE STEHEN TÄGLICH VOR DER FRAGE: WAS ZIEHEN WIR AN? ABER EIGENTLICH STECKT DAHINTER EINE GANZ ANDERE FRAGE: WAS MÖCHTEN WIR MIT UNSERER KLEIDUNG KOMMUNIZIEREN? DIE KOMMUNIKATIVE RELEVANZ VON MODE-DESIGN IST ENORM WICHTIG. JEDES STYLING VERMITTELT EINE BOTSCHAFT. ABER WAS GENAU IST DIESE BOTSCHAFT, DIE WIR MIT UNSERER KLEIDUNG VERMITTELN WOLLEN? UND WANN IST DIESE BOTSCHAFT KOMMUNIKATIV ERFOLGREICH?

Das B2B Magazin hat sich mit der studierten Mode-Designerin Beata Isabella Nitzke getroffen. Sie arbeitet seit vielen Jahren weltweit als Fashion-Stylistin. Ihre Aufgabe ist es, für bestimmte Fotoproduktionen (zum Beispiel Modestrecken, Kataloge, Lookbooks, Werbekampagnen) Menschen mit passender Kleidung und Accessoires zu versehen. Sie arbeitet für Kunden wie Adidas, Breuninger, Bugatti, DB, Marccain, Mercedes-Benz, Porsche, Siemens, S.Oliver etc. In jedem Styling sieht sie eine Botschaft. „Jeder möchte durch seine Kleidung etwas sagen“, erzählt die gebürtige Polin und verweist auf das Sprichwort „Kleider machen Leute“. Um das zu erreichen, muss eine Botschaft übermittelt werden. Wie sonst können Kleider Leute machen?

 
KLEIDUNG STIFTET KOMMUNIKATIVE BEZIEHUNGEN

Machen Kleider nicht deshalb Leute, weil Leute für Leute Kleider machen? Wenn aber Kleider erst Leute machen, entsteht dann nicht eine Beziehung zwischen den Kleidern und den Leuten, die sie tragen? Also machen nicht nur die Kleider mit den Leuten etwas, sondern auch die Leute mit den Kleidern. Genau das meint auch die Modeexpertin: „Beide beeinf lussen sich in dieser kommunikativen Beziehung, sowohl die Person als auch das Outfit.“ Wenn also in diesem Sinne Kommunikation stattfindet, handelt es sich um einen nonverbalen Dialog zwischen der Kleidung und ihren Trägern. Kleidung kleidet uns auf eine ganz bestimmte Weise. „Dabei kommt es immer darauf an, was man selbst ausdrücken möchte“, sagt Nitzke. So kann Kleidung zum Beispiel verraten, welchen Beruf man ausübt. Sie kann darüber Auskunft geben, was man vorhat, in welcher Stimmung man ist, wo man hingehen will und so weiter. Aus Sicht des Modedesigns macht es einen großen Unterschied, ob man sich für den Sport kleidet, für die Oper oder für einen Stadtbummel. Jedoch wäre es viel zu kurz gefasst, wenn man sagen würde, dass die Kleidung nur in diesen verschiedenen Funktionalitäten aufgeht.

Auch der Schönheit wird eine große, vielleicht sogar die größte Rolle beigemessen. Natürlich hat Kleidung sehr viel mit Schönheit zu tun. Genauer: mit schön machen. Noch genauer: mit schöner machen. Nicht jede Verschönerung macht jedoch einen Körper schöner. Die kommunikative Beziehung, die wir zu unserer Kleidung aufnehmen, muss zu uns, zu unserem Typ, zu unserem Körper passen. Wenn genau das stattfindet, ist die kommunikative Beziehung erfolgreich und wir nennen die Erscheinung schön. Umgekehrt ärgert es uns, wenn uns jemand sagt, dass unsere Kleidung nicht zu uns passt. „Im Grunde genommen möchte man die Wahrheit nicht hören, man möchte nur hören, dass man gut aussieht“, so Nitzke. Es ärgert uns aber auch, wenn wir dieses Nicht-Passen bei anderen bemerken. Wir beobachten in diesem Fall, dass Kleidung den Körper der Person nicht verschönert, sondern bis zur Unkenntlichkeit verkleidet. Die Styling-Expertin betont, dass dadurch zwar keine Persönlichkeitsveränderung herbeigeführt werden kann, aber Kleidung unser Erscheinungsbild positiv wie negativ sehr beeinf lussen kann.

KANN KLEIDUNG LÜGEN?

Wir benutzen Kleidung gelegentlich auch, um etwas aus uns zu machen, was wir gar nicht sind. Zum Beispiel in Bewerbungsgesprächen, wenn wir glauben, fremden Erwartungen gerecht werden zu müssen. Kleidung verändert uns, macht aus uns visuell eine andere Person. Auf eine gewisse Art kann Kleidung folglich „lügen“. Aber wer lügt denn hier wirklich? Lügt in diesem Fall die Kleidung? Oder verhält es sich nicht ganz anders:
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NICHT KLEIDUNG LÜGT, SONDERN DIEJENIGEN, DIE SIE ZUM LÜGEN NÖTIGEN.

Das heißt, wir instrumentalisieren Kleidung, ja nötigen sie zu einer anderen Aussage. Zum Beispiel, wenn sie den Körper wie in ein Korsett einzwängt. Dieser Körper wird seiner natürlichen Form beraubt und fühlt sich nicht mehr wohl. Und das empfinden wir als Störung der kommunikativen Beziehung zwischen der Kleidung und ihren Trägern. Auch wenn wir das alle wissen, heißt es nicht, dass das immer beherzigt wird. Denn – wie Nitzke schmunzelnd bemerkt – manche nehmen diese Störung nicht wahr, weil sie keinen guten Spiegel zuhause haben. Ein anderes Phänomen, das das Thema von zu großen oder zu kleinen Kleidungsstücken betrifft, spielt sich hauptsächlich in weiblichen Kleiderschränken ab. „Es gibt Frauen, die sich nicht von unpassenden Kleidungsstücken trennen können, sondern ihre Kleiderschränke damit füllen“, weiß die Expertin. In der verwegenen Hoffnung, dass sich ihre Figur irgendwann einmal mit dieser Kleidung anfreunden kann.

DIE KOMMUNIKATIVE BEZIEHUNG KANN GELINGEN ODER MISSLINGEN

Ob diese kommunikative Beziehung folglich gelingt, hängt jeweils von der ästhetischen Kompetenz der betreffenden Person ab. Ob sie zum Beispiel zur Selbstkritik fähig ist, die ist nämlich gar nicht so einfach, wie Nitzke betont. Denn den persönlichen Geschmack mit aktuellen Trends zu kombinieren, ist keine Garantie für gutes Aussehen. „Wenn ein neuer Trend aufkommt, dann trägt man das, ohne darüber nachzudenken, ob es zum eigenen Typ passt“, so die Fashion-Stylistin. „Vielmehr ist es entscheidend, dass man beim Trend mitmischen kann.“ Wieder anderen ist es egal, oder sie können es gar nicht einschätzen, ob ihnen das Kleidungsstück steht. „So individuell, wie die Menschen sind, so individuell muss das Styling auf die Person im Einzelnen abgestimmt werden“, erklärt Nitzke. Das stelle für manche eine Schwierigkeit dar. Sie fügt noch hinzu: „Man möchte nicht alt werden, man möchte immer jung, einfach immer sexy sein. Hinzu kommt dieser seit ein paar Jahren vorherrschende wahnsinnige Drang zum Sport. Wenn man nicht fünfmal in der Woche Sport macht, das gilt für beide Geschlechter, gehört man irgendwie nicht dazu, und das finde ich krass. Irgendwann einmal hat sich das Bild der Frau und des Mannes verändert, ohne dass man gefragt hat, wo denn dabei der Genuss des Lebens geblieben ist.“ Was also leistet eigentlich Kleidung? Kleidung soll den Körper nicht verkleiden, sondern aus Körpern Leute machen! Das nennen wir Styling.

EIN GELUNGENES STYLING DEMENTIERT NICHT DEN KÖRPER, SONDERN BRINGT IHN ZUM SPRECHEN.

Das muss besonders in Fällen gelingen, in denen die Natur dem Körper einiges schuldig geblieben ist. Bei den hohen ästhetischen Ansprüchen, wie sie typisch für moderne Gesellschaften geworden sind, sind solche „Defizite“ nicht nur ärgerlich, sondern schränken auch die kommunikativen Möglichkeiten von Personen ein. Um das zu verhindern, sind keine Schönheitsoperationen nötig. Es gibt etwas weitaus Besseres: Kommunikationsdesign! Den Körper mit Hilfe passender Kleidung zum Sprechen zu bringen ist nämlich die große Kunst von Kommunikationsdesign.

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Autorin: Laura Esser