MUT ZUR OBERFLÄCHLICHKEIT

ATTRAKTIVITÄT IST EIN ERFOLGSFAKTOR, DER SICH AUSZAHLT

Freund oder Feind, Karriereleiter oder Falltür, Verkaufsrenner oder Ladenhüter – vieles hängt maßgeblich vom ersten Eindruck ab. Diesen bilden wir uns unterbewusst und in der Regel über die Augen. In nur 100 Millisekunden ist entschieden, ob wir einem bis dato fremden Gegenüber, sei...

Freund oder Feind, Karriereleiter oder Falltür, Verkaufsrenner oder Ladenhüter – vieles hängt maßgeblich vom ersten Eindruck ab. Diesen bilden wir uns unterbewusst und in der Regel über die Augen. In nur 100 Millisekunden ist entschieden, ob wir einem bis dato fremden Gegenüber, sei es Mensch oder Marke, vertrauen oder nicht. Das ist zu schnell für unseren Verstand. Zum Vergleich: Ein Lidschlag dauert durchschnittlich zwischen 300 und 400 Millisekunden.

Jetzt mal Schluss mit dem ganzen Innere-Werte-Mimimi! „Der schönste Affe ist hässlich, mit dem Menschengeschlecht verglichen“, schrieb der Philosoph Heraklit etwa 500 Jahre vor unserer Zeitrechnung. Und Recht hat er! Wir sind schön. Und als stark visuell geprägte Wesen sind uns Äußerlichkeiten nun mal auch extrem wichtig. Da brauchen wir gar nicht so erhaben tun. Das können wir uns ruhig mal eingestehen. Besonders anschaulich macht uns das die Filmindustrie: Die Schönsten aus Hollywood bekommen die Hauptrollen, weil sie die Kinosäle füllen. Wer ein Gesicht hat, wie von einem Grundschulkind gemalt, wird, trotz schauspielerischer Spitzenleistungen, meist nicht über Nebenrollen als „Charakterdarsteller“ hinauskommen.

ATTRAKTIVITÄT MACHT KASSE


Dass Aussehen und beruf licher Erfolg in direkter Korrelation stehen, fand unter anderem der Lüneburger Wirtschaftswissenschaftler Christian Pfeifer in der ALLBUS Umfrage 2011 heraus. Mehr als 3.000 Männer und Frauen wurden bundesweit nach Gehalt und Beschäftigungsstatus befragt. Nebenbei beurteilten die Interviewer auch das Aussehen der Befragten ganz subjektiv von 1 (sehr unattraktiv) bis 11 (sehr attraktiv). Fünf Attraktivitätspunkte mehr – laut Studie der Unterschied zwischen Allerweltsgesicht und ausgesprochener Schönheit – helfen bei der Stellensuche genauso viel wie ein Uni-Abschluss. Pro Attraktivitätspunkt steigt außerdem das Monatsgehalt im Schnitt um drei Prozent.

JENSEITS DER EITELKEIT


„Alles fließt, nichts bleibt.“ Auch dieser Satz wird oft Heraklit zugeordnet. Das gilt auch für Schönheitsideale. Was allerdings beständig bleibt, ist das Streben nach dem Ideal. Mode, Make-up, Fitnessstudio und Schönheitsoperation – gutes Aussehen ist ein Milliardengeschäft. Und warum auch nicht, wenn wir das Geld, das wir für Spezialdragees und Superfoods ausgeben, durch den Schönheitsbonus wieder rausbekommen. Aber es geht um mehr: Wer gut aussieht, fühlt sich auch besser. Das fand der US-amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Daniel Hamermesh in einer Studie für das Institut zur Zukunft der Arbeit heraus. Gutes Aussehen und das Streben danach gehen also durchaus tiefer und sind nicht nur Belange unserer Eitelkeit. Es geht um Selbstbewusstsein, Körpergefühl, Wertschätzung.

AM ENDE ZÄHLT HALT DOCH DAS ÄUSSERE


Man kann sich also für Jahrtausende den Kopf darüber zerbrechen, was Schönheit ist und ob mehr dahinterstecken muss als Symmetrie und plastische Chirurgie. Man kann es aber auch pragmatisch sehen: Wir sind auf Äußerlichkeiten fixiert, lieben das Liebliche, hassen das Hässliche und wer gut aussieht, fühlt sich auch gut. Dementsprechend können wir mit dem arbeiten, was wir haben, und das Beste daraus machen. Wer die Furcht vor Oberf lächlichkeit überwindet, sich Gedanken über sein Erscheinungsbild macht und sich gekonnt in Szene setzt, wird dafür in vieler Hinsicht belohnt. Das gilt auch in der Markenkommunikation. Jeder Kunde, jeder Entscheider, jeder Endverbraucher wird letztlich von Äußerlichkeiten beeinf lusst. Je gelungener die Präsentation, je stimmiger das Gesamtbild einer Marke oder eines Produkts, desto höher die Attraktivität. So einfach ist das. Dieses Prinzip kann man zwar hinterfragen, das bringt einen aber auch nicht weiter, denn daran ändern wird sich so bald nichts. Übrigens war auch Heraklit kein Freund des Überanalysierens. Als man ihn einmal nach der Größe der Sonne fragte, war die Antwort: „Die Sonne ist so breit wie ein Menschenfuß.“ Klingt vielleicht zu einfach, zu oberflächlich, steckt aber eine Menge Wahrheit drin.

AUTOR \ Martin Brunner