Losgröße 2_ Zwillinge und die Einzigartigkeit des Doppelten

\\ October 25, 2017

\\ B2B 02/2017

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ZWILLINGE HABEN ES SCHWERER, IHRE EINZIGARTIGKEIT HERAUSZUBILDEN UND ZU BEHAUPTEN. UND SIND GERADE DARUM ETWAS BESONDERES. DER EINEIIGE ODER MONOZYGOTE ZWILLING, WIE ES IN DER FACHSPRACHE HEISST, SCHEINT DER NATÜRLICHE GEGENSPIELER DER LOSGRÖSSE 1 ZU SEIN. HIER SCHLÄGT DIE NATUR...

ZWILLINGE HABEN ES SCHWERER, IHRE EINZIGARTIGKEIT HERAUSZUBILDEN UND ZU BEHAUPTEN. UND SIND GERADE DARUM ETWAS BESONDERES. DER EINEIIGE ODER MONOZYGOTE ZWILLING, WIE ES IN DER FACHSPRACHE HEISST, SCHEINT DER NATÜRLICHE GEGENSPIELER DER LOSGRÖSSE 1 ZU SEIN. HIER SCHLÄGT DIE NATUR ZURÜCK, ALS WOLLTE SIE DEM UM SICH GREIFENDEN INDIVIDUALITÄTSWAHN EIN SCHNIPPCHEN SCHLAGEN. DA GIBT ES PLÖTZLICH ZWEI MENSCHEN, DIE SEHEN GENAU GLEICH AUS. DA KANN LEICHT DIE FRAGE AUFKOMMEN: SIND DIESE MENSCHEN VIELLEICHT GAR NICHT EINZIGARTIG?

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Das Kämpfen um die eigene Individualität fängt schon ganz früh an: Eineiige Zwillinge müssen bereits im Mutterleib teilen und erfahren, was es heißt, noch jemanden mit an Bord zu haben. Sie erkennen ihr Selbst im Spiegel und auf Fotos später als andere Kinder, weil sie zunächst glauben, dort ihr Geschwisterchen zu sehen. Auch das Wort „ich“ – der ultimative Ausdruck von Losgröße 1 – verwenden sie deutlich später. Sie erfinden meist sogar einen Namen, den sie für sich und das Geschwisterchen gemeinsam verwenden. Viele werden von Lehrern und Nicht-Familienmitgliedern verwechselt, gelten oft als „die Zwillinge“, bis hin zur Einheitsnote. Im Mittelalter dachten die Menschen noch, eineiige Zwillinge würden sich sogar die Seele teilen. Inzwischen ist längst bewiesen, dass jeder im Laufe seiner Sozialisation andere Eindrücke aufnimmt und seine eigene Identität entwickelt. Viele sind bis zur Pubertät enge Freunde – dann kann sich das aber schlagartig ändern. Denn irgendwann fängt auch der eineiige Zwilling an, sich abzugrenzen.

Eineiige Zwillinge haben es zwar im Binnenverhältnis zum anderen Zwilling hin schwerer, ihre eigene Identität auszubilden, trotzdem sind sie immer etwas Besonderes. Darum lassen sich Zwillinge, wenn sie außergewöhnliche Fähigkeiten besitzen, gut vermarkten. Die Geschichte von Romulus und Remus gewinnt im Doppelpack an Spannung, die Kramers, Benders und Altintops kennt jeder Fußballfan. Und was wäre aus Alice Kessler wohl geworden, wenn sie nicht Ellen an ihrer Seite gehabt hätte, oder aus Bill Kaulitz ohne Tom? Auch in der Werbung werden gern mal Zwillinge eingesetzt, zum Beispiel, um Pharmaprodukte anzupreisen.

Das hat ja irgendwie schon was Possierliches. Liest man sich hingegen in die Besonderheiten siamesischer Zwillinge (für die es seltsamerweise keinen politisch korrekten Begriff zu geben scheint außer dem nicht sehr schmeichelhaften Wort „Doppelfehlbildung“) ein, dann muss man bisweilen schon schwer schlucken. Diese „Launen der Natur“, wie der SPIEGEL in einem Beitrag von 2003 schrieb, waren im Laufe der Geschichte immer derart einzigartig, dass auf dem Rücken ihres Schicksals immer wieder Geschäfte mit der Sensationsgier des Publikums gemacht wurden. Hier wird das Zwillingsein zum echten Dilemma, und jeder, der darüber liest, merkt, wie wichtig der eigene Körper als Grenze ist, als Grenze zum eigenen Selbst. Lori und Reba Schapell aus den USA teilen sich zum Beispiel das gleiche Blut und einige Knochen, da sie an den Schläfen zusammengewachsen sind. Trotzdem sind sie grundverschieden und leben zwei Leben – faszinierend.

Auch Zwillinge sind unter ihrer äußeren Hülle also immer ganz individuell. Es tut gut zu wissen, dass das Besondere eines Menschen nicht nur von einer markanten Nase oder schönen Beinen abhängt, sondern viel tiefer sitzt. Ganz drinnen, dort wo die Losgröße 1 wohnt.

 

AUTOR \ Markus Koch