Im Interview mit Titelfotograf Torben Eskerod

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\\ September 29, 2014

\\ B2B 02/2014

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Der dänische Fotograf Torben Eskerod über das Zusammenspiel von Einfachheit und Komplexität in der Fotografie.

 

Welche Rolle spielen Einfachheit und Komplexität in Ihrer Arbeit?

(TE) Meine Arbeiten zeichnen sich dadurch aus, dass sie auf den ersten Blick sehr einfach sind, aber viele komplexe Ebenen beinhalten. Das können die Hintergrundgeschichte, das Konzept oder die vielen möglichen Interpretationen sein. Ein gutes Beispiel ist mein Erstlingswerk, die Prayer-Serie (abgebildet auf Seite 16ñ17), die aus Porträts von vier lutherischen Schwestern besteht. Auf der einen Seite sind das sehr einfache Porträts mit natürlichem Licht: einfach eine Person, die in die Kamera schaut und einen bestimmten Gesichtsausdruck hat. Aber auf der anderen Seite haben diese Fotos eine zusätzliche Bedeutungsebene.

 

Welche zusätzliche Ebene?

(TE) Während der Konsekration bekommt jede lutherische Schwester einen Bibel-Vers, den sie dreimal am Tag während des Gebets aufsagen soll. Also habe ich mich gefragt: Gibt es eine Verbindung zwischen den Versen, die die Schwestern jeden Tag ihres Lebens aufgesagt haben, und deren Gesichtern? Zwischen dem Äußeren - also der Architektur des Gesichts - und dem Inneren? Und es hat sich bei jeder der Schwestern herausgestellt, dass es eine gibt. Dieses Wissen bringt eine zusätzliche Bedeutungsebene: die Tatsache, dass ihre Rolle als Diener Gottes und ihre tiefe Verbindung zu diesen Versen das Dasein der Schwestern transformiert hat.
Interessant an diesem Werk ist, dass ich die Porträts der Schwestern aufgenommen habe, bevor sie ihre Verse mit mir geteilt haben - also sind das keine Illustrationen der Verse. Stattdessen reflektieren die Porträts das ganze Dasein dieser Personen. Und in diesem Werk habe ich etwas gefunden, was ich seitdem in meinen Werken immer wieder untersuche: Gibt es eine Verbindung zwischen dem Äußeren und dem Inneren? Und gibt es etwas, was ¸über das Bild hinausgeht?

 

Viele Ihrer Fotos, wie zum Beispiel in der Marselis-Serie, wirken sehr einfach bis man die Hintergrundgeschichte erfährt.

(TE) Ja, genau. Diese Fotos wurden an einem winterlichen Tag aufgenommen, wie er sich selten ereignet: Der Nebel zieht sich vom Ozean ¸über die ganze Landschaft und färbt alles schwarz-weiß. Ich wollte diesen monochromen Moment festhalten - habe aber zufälligerweise Filmmaterial erwischt, das vor 20, 30 und sogar 40 Jahren abgelaufen war. Als ich die Ergebnisse sah, war das für mich schmerzlich. Ich wollte einen besonderen, völlig farblosen Tag dokumentieren und hier waren diese ganzen Grün-, Gelb-, Rot- und Blautöne (abgebildet auf Seite 14–15). Also ja, das sind sehr einfache Bilder, aber sie sind auch komplex, indem sie das Thema der Bewahrung von Erinnerungen behandeln und die Rolle der Fotografie als „truth medium“ – also als Wahrheitsmedium – in Frage stellen. Wenn man ein Foto schießt, tut man es normalerweise, weil man einen Moment festhalten will. Diese Fotos aber stimmen nicht mit meiner Erinnerung an diesen Tag überein. Also für mich sind sie auch eine Meditation über den Verlauf der Zeit.

 

Denken Sie, dass die Art und Weise, wie ein Foto aufgenommen wurde, auch eine zusätzliche Bedeutungsschicht sein kann?

(TE) Das Medium sollte eigentlich keine Rolle spielen, aber das tut es. Ich glaube, in der Welt der Werbung kann man mit Low-tech den Kunden signalisieren, dass sie deiner Botschaft glauben können. Wahrscheinlich ist das Teil der Gegenbewegung weg von „Fakes“. Und in der Kunstwelt spielt die Entstehung eines Fotos eine ungeheuer große Rolle – denn der Gallerist kann es zu einem Teil einer zusammenhängenden Geschichte machen.

 

Kann die Bedeutung eines Fotos sich mit der Zeit verändern?

(TE) Ja, das sieht man zum Beispiel in meiner Campo-Verano-Serie (abgebildet auf Seite 12–13). Diese Fotos wurden aufgenommen, als die Porträtierten noch lebten. Diese wurden von den Ange­hörigen auf den Grabsteinen platziert, was später bei der Erinnerung helfen sollte. Aber genau wie unsere Erinnerungen an Personen sich mit der Zeit verändern, tun es die Porträts auch. Diese Fotos haben also eine neue Schicht an Bedeutung gewonnen: Sie zeigen uns den veränderbaren Charakter einer Erinnerung und zwingen uns, über das Leben, die Liebe, den Verlust, die Fragilität und die Unsterblichkeit nachzudenken. Das ist es, was für mich ein gutes Bild ausmacht – es muss jedes Mal eine neue Bedeutung haben und mir etwas Neues zum Reflektieren geben.

 

Wurden Ihre Werke mit der Zeit eher einfacher oder komplexer?

(TE) Ich würde sagen, sowohl als auch. Ich habe mich Richtung Einfachheit bewegt und subtrahiere innerhalb meiner Bilder. Ich will kein Fancy-Smile, keine gute Beleuchtung, keinen schicken Haarstil und kein perfektes Make-up. Ich entferne diese Sachen, um die Person zu sehen. Denn so produziert man ein viel interessanteres Porträt. Diese Subtraktion aber macht das Werk viel komplexer.

 

Kann ein Foto zu komplex sein?

(TE) Ich glaube, ja. Ich sehe das oft, besonders in der Werbung. So viele Fotos im Werbebereich sind viel zu komplex und überfluten den Betrachter mit Botschaften. Und ich glaube, es ist ein Fehler, solch komplexe Fotos zu machen. Jeden Tag werden die Leute mit so vielen Bildern konfrontiert. Wenn man ihre Aufmerksamkeit nicht innerhalb von Sekunden gewinnt, schauen sie weiter.

 

Wie kann man komplexe Produkte einfach präsentieren? Haben Sie eine „Spezialformel“?

(TE) Um die Aufmerksamkeit der Leute zu gewinnen, muss man eine Ebene tiefer gehen: zu den Emotionen. Statt ein Produkt mitsamt den ganzen Features zu zeigen, zeige ich viel lieber ein universelles Gefühl, das vermittelt, was das Produkt bringt. Ich arbeite regelmäßig für einen dänischen Hersteller von Dachfenstern. Für diesen Kunden wäre es naheliegend, Fenster zu zeigen – aber das machen wir nicht. Viele unserer Fotos zeigen überhaupt keine Fenster. Stattdessen zeigen sie Licht. Weil es nicht das Produkt ist, sondern das, was es bewirkt, was die Emotionen anspricht.

 

Torben Eskerod
Vita
\ Torben Eskerod
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LEBENSLAUF_ Torben Eskerod wurde 1960 geboren und studierte an der Aalborg University, der Aarhus School of Architecture und der Fatamorgana School of Photography. Bekannt ist er vor allem für seine Porträt-Serien wie Equivalence (1995), Cassadaga (2000), Register – Life and Death Masks (2001), Friends and Strangers (2006) und Campo Verano (2008). Er wohnt und arbeitet in Kopenhagen.

AUSSTELLUNGEN (Auszug)_National Portrait Gallery in London, Scottish National Portrait Gallery in Edinburgh, Andy Warhol Museum in Pittsburgh, Museum of Modern Art in Moskau, Ny Carlsberg Glyptotek in Kopenhagen, Overgaden Institut for samtidskunst in Kopenhagen, Blue Sky Gallery in Portland, Peter Lav Gallery in Kopenhagen, Yossi Milo Gallery in New York, Bildkultur in Stuttgart.

NEUERSCHEINUNGEN_Marselis and Can Lis – Conversation with a House. Beides vom Kehrer Verlag, 2014.

REPRÄSENTIERT VON_ Peter Lav Gallery, Kopenhagen: http://plgallery.dk

Kontakt



www.torbeneskerod