Gemeinsam ist auch schön_

Menschen sehnen sich nicht nurnach Individualität, sondern auch nach dem Kollektiv
\\ October 24, 2017

\\ B2B 02/2017

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Oh-oh-oh-oh-oh-oh-ohhhhhh – das sind die Worte zu der Melodie, die Voll- und Teilzeit-Fußballfans vor allem von EM- und WM-Spielen der letzten Jahre kennen. Die Melodie wurde vom Gitarristen und Sänger Jack White für seine damalige Band „The White Stripes“ geschrieben....

Oh-oh-oh-oh-oh-oh-ohhhhhh – das sind die Worte zu der Melodie, die Voll- und Teilzeit-Fußballfans vor allem von EM- und WM-Spielen der letzten Jahre kennen. Die Melodie wurde vom Gitarristen und Sänger Jack White für seine damalige Band „The White Stripes“ geschrieben. Adaptiert wurde sie dann der Legende nach zuerst von italienischen Tifosi. Um es dann irgendwann über die Alpen zu schaffen und im Mainstream deutscher Nationalmannschaftsbeseeltheit anzukommen. Und jetzt sind wir auch schon mitten im Thema: Warum brüllen erwachseneMänner im hundertstimmigen Chor Melodien ohne Text? Steckt dahinter vielleicht die Sehnsucht, neben all der gesellschaftlich positiv konnotierten Individualität (Losgröße eins) auch ein wenig Kollektivität auszuleben?

// Gemeinsam freuen bringt mehr Freude
Die Sehnsucht nach dem Kollektiv ist uns Menschen wohl angeboren. Von den Steinzeitritualen bis zur heutigen Mediengesellschaft haben die Menschen immer wieder unterschiedlichste Formen gefunden, sich als Gemeinschaft zu fühlen. Frühere Kollektivhandlungen, wie der Tanz ums Feuer oder das gemeinsame Beiwohnen der Schamanenshow, wurden ersetzt durch Veranstaltungen wie das Public Viewing. Hier wie da erhoffen sich Menschen, „[...] sich in der Masse ganz in ihre Emotionen fallen lassen zu können“, wie es der Psychologe Peter Walschburger von der FU Berlin ausdrückt. Es geht ums „Dabeisein“ und darum, eigentlich unwichtige Dinge als größer zu empfinden, als sie sind. Große Gefühle, zum Beispiel ein gemeinsamer Weltmeistertitel als „Deutschland“, sind im Alltag nur schwer verfügbar. In der Masse kann der „Motor des Sichwohlfühlens“ (Walschburger) einfach leichter angeworfen werden. Die anerzogene Berührungsfurcht wird überwunden, und die „emotionale Synchronizität“ wird nicht wie in der Individualismus predigenden Postpost-was-auch-immer-Moderne („mach dein eigenes Ding!“) als negativ, sondern als erstrebenswert empfunden.Nach Elias Canetti ist Geselligkeit, wenn sie nicht ausartet, die harmlose, positive Form vom Aufgehen in der Gemeinschaft. Selbst die Auswüchse werden gesellschaftlich toleriert und mit einem Augenzwinkern als notwendiges Ventil gesehen. Die tausende von Bierleichen, die sich jedes Jahr zum Oktoberfest auf der so genannten „Kotzwiese“ niederlassen, hatten ja schließlich vorher als Teil einer kollektiven Euphorie auch mächtig Spaß.

// Im Trauern vereint
Ernsthafter geht es bei dem zu, was Fachleute „Public Crying“ nennen: Hier trauern Millionen von Menschen um Prominente wie Lady Di oder Papst Johannes Paul II. – aber auch, wie in letzter Zeit immer wieder, um Opfer von Terroranschlägen. Kulturhistoriker wie Thomas Macho sehen darin eine Art „Welttrauergemeinde“. Derartige Ereignisse bieten eine gute Gelegenheit für Menschen aus geografisch und sozial unterschiedlichen Welten, sich für etwas Gemeinsames einsetzen zu können. Im Ritual der Trauer kann sich der Einzelne durch die Gleichzeitigkeit des gemeinsamen Erlebens in der Masse verlieren und empfindet das als angenehm. Und umso stärker die Masse inszeniert wird, „[...] umso inniger ist das Gefühl des Einzelnen in der Masse“ (Macho). In der heutigen Zeit kann man auch Teil einer Trauermasse sein, ohne selbst hinzugehen – vor dem Fernseher sitzend oder Likes abschickend.

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// Wenn Massenbildung bedrohlich wird
Neben den von Elias Canetti als „nicht bedrohliche Formen der Masse“ beschriebenen gibt es noch andere Formen. Der französische Soziologe Gustave Le Bon war der Erste, der sich in seinem Standardwerk „Psychologie der Massen“ kritisch mit Menschen in der Masse auseinandersetzte. Er stellte 1895 unter anderem die These auf, dass das Unbewusste der für den Menschen noch recht neuen Vernunft überlegen sei. Und das Unbewusste sehne sich nach der Täuschung, nach einem Ideal, dem es nacheifern kann: „Die große Triebkraft der Völkerentwicklung war nie die Wahrheit, sondern der Irrtum.“ Le Bon sah Massenphänomene kritisch. Ihm zufolge büßen die Mitglieder einer Masse ihre Kritikfähigkeit ein, die sie als Individuen normalerweise haben, wodurch ihre Persönlichkeit schwindet. Andererseits werde der, der es mit Aufklärung versucht, niemals Herr über die Massen werden, sondern der, der sie täuscht. Selbst geschichtliche Ereignisse als Beweise anzuführen, bringe nichts, die Masse müsse diese Erfahrungen stets selbst machen, um daraus zu lernen.

// Kollektives Funktionieren
Auch beim Militär soll das Individuum in der Gemeinschaft aufgehen: Eine gute Armee funktioniert schließlich nur durch Auslöschung des Individuums, um es vollends in die Maschinerie des Tötens einzugliedern. Schon bei den Römern war es wichtig, den Willen des einzelnen individuellen Kämpfers zugunsten automatisierter Abläufe (Schildkröte bilden und so, das kennt der Asterix-Leser) auszulöschen. Kulturtheoretiker wie Klaus Theweleit gehen noch weiter: Für ihn ist es offensichtlich, dass ein bestimmter Männertyp eine Sehnsucht danach empfindet, im – wie er es nennt – „soldatischen Körper“ aufzugehen. Laut Theweleit ist der soldatische Körper dabei die Folge eines emotionalen Panzers, den dieser Männertyp ausbildet. Der militärische Drill bewirkt bei vielen die Ausbildung eines neuen, „gepanzerten Ichs“, das sich ideal für militärische Zwecke instrumentalisieren lässt. Ausgelöst wird das Ganze durch verdrängte Ängste, vor allem Ängste bezüglich emotionaler und libidinöser Bindungen. Nach Theweleit könnte man also sagen, dass der selbstbewusste und angstfreie Typ eher ein Losgröße-1-Typ wird und man den Ängstlichen somit leichter zum Kriegführen instrumentalisieren kann. Klingt recht logisch.

// Urlaub von der Statusungleichheit
Betrachtet man bei der Sehnsucht nach dem Kollektiven den sozial-strukturellen Aspekt, fällt Folgendes auf: In einer fragmentierten Gesellschaft herrscht normalerweise Statusungleichheit. Werden die Menschen aber Teil eines kollektiven Trauerrituals, eines Fußballspiels oder Rockkonzerts, vergessen sie für die Dauer dieses Ereignisses derartige Unterschiede. Wenn wir als Bandarbeiter oder Abteilungsleiter gleichzeitig Helene Fischer oder Jogi Löw anhimmeln, dann sieht der eine den anderen für kurze Zeit nicht mehr als Antagonisten aus einer anderen Lebenswelt – es sei denn, dieser winkt gönnerhaft aus der VIP-Loge herunter. Das Aufgehen in der Masse kann also auch als sozialer Kitt dienen. Denn wer schafft es schon, 24/7 mit seiner eigenen Position innerhalb der Sozialpyramide zu hadern, wer möchte nicht mal kurz Urlaub von der permanenten ökonomischen Standortbestimmung machen?Massenhafte Gleichförmigkeit scheint also wichtige soziale Funktionen zu erfüllen. Mit harmloseren und weniger harmlosen Hintergründen und Folgen. Auch der gute Gustave Le Bon schrieb der Masse positive und negative Eigenschaften zu: „In den meisten Fällen zeigt die Handlungsweise der Massen eine außerordentlich niedrige Geistigkeit.“ Gleichzeitig stellt er aber fest: „Kann etwas verwickelter, logischer, wunderbarer sein als die Sprache? Und entspringt nicht dies wohlgeordnete und feine Gebilde auch der unbewussten Massenseele?“ Unentschieden also. In diesem Sinne: oh-oh-oh-oh-oh-ohhhhh-ohhhhh.

 

AUTOR \ Markus Koch