Ein Magnet macht noch kein Burnout

\\ March 27, 2015

\\ B2B 01/2015

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VORWORT Vielerorts werden Arbeitsabläufe optimiert.Der eifrige Mitarbeiter plant seine Zeitfenster nun präziser und für Kollegen nachvollziehbar. Manch traurige Gestalt aber leidet sehr, denn Zeitfenster planen kostet Zeit.

Therapeut: Wie war Ihre Woche?

Patient: Ach jo.

Therapeut: (Freundliches Schweigen)

Patient: Wir haben umstrukturiert. In der Firma.

Therapeut: Und Sie möchten darüber reden?

Patient: Ich hab jetzt einen eigenen Magnet.

Therapeut: Mhm ...

Patient: Auf der Magnetwand. Die wird jetzt eingeführt. Damit jeder immer weiß, wo der andere ist. Urlaub. Kunde und so.

Therapeut: Das klingt doch gut.

Patient: Wir sitzen in einem Raum.

Therapeut: Ach so.

Patient: (Schweigt)

Therapeut: (Schweigt)

Patient: Es belastet mich.

Therapeut: Versuchen Sie einmal, die Sache zu beschreiben.

Patient: Ich muss jetzt erst mal den Magnet ausmessen, damit ich weiß, wie groß ich das Foto ausdrucke, das da draufkommt. Eigentlich sollte ich das sogar in eine Kreisvorlage bauen, damit ich es besser ausschneiden kann. Ich hab aber keine eigene Schere. Die Schere hatte immer meine Nebensitzerin und die hat gekündigt. Wo die Schere jetzt ist, weiß ich nicht. Außerdem hab ich kein schönes aktuelles Foto von mir.

Therapeut: Aha ...

Patient: Es ist ja nicht nur der Magnet.

Therapeut: Sondern?

Patient: Wir haben jetzt ja auch Post-its. In eigenen Farben. Vielleicht.
Das ist noch nicht geklärt, wie wir das regeln, weil wir ja mehr Teammitglieder als Post-it-Farben sind.

Therapeut: Und die Post-its sind wofür?

Patient: Damit andere wissen, woran man gerade arbeitet, und man die Kapazitäten besser einteilen kann. Zeitfenster...Siewissenschon.

Therapeut: Und?

Patient: Mein Zeitfenster ist so eng, da passt kein Post-it mehr dazwischen.

Therapeut: Beschreiben Sie.

Patient: Morgens werde ich in Zukunft ein Post-it auf dem Kalender von links ein Stückchen nach rechts bewegen und eventuell ein neues dazukleben. Je weniger Zeit aber der Job benötigt, desto kleiner wird das Post-it und dann hätten wirs wieder ... 

Therapeut: Was?

Patient: Das Scherenthema.

Therapeut: Aber das Ganze hat ja auch gute Gründe und Vorteile, denken Sie nicht?

Patient: Klar. Transparenz. Effizienz. Informationsflatulenz.

Therapeut: Was ist denn nun das Problem?

Patient: Der scheiß Magnet ist das Problem! 

Therapeut:(Schweigt)

Patient: Ich kann vor lauter Magneten die Zeitfenster nicht mehr sehen und die Post-its verkleben mein Hirn. Was noch viel schlimmer ist: Die Kapa-Zettelwirtschaft der anderen. Überall hängen Zettel rum. Alles ist transparent, alle sind informiert, jeder wird integriert. Stresssharing ist das. Und nicht im Sinne von halbieren, sondern von verdoppeln. Und daheim geht es grad so weiter. Ich werde regelmäßig von mehreren Elternbeiräten, Vorständen und Arbeitsgruppenausschusssprechern von jedem Fakt und Furz informiert. Danach nochmal vom Stellvertreter. Ich befinde mich in regem Austausch mit Eltern der Klasse 2a und 3a und ich backe für jedes kack Fest einen Kuchen. Gut, der letzte war nicht sehr lecker, oder besser gesagt vom Geschmack ganz ok, aber die Konsistenz war so, dass sich ein Klumpen bildete im Hals auf Kehlkopfhöhe etwa.

Einmal habe ich mich bei einem Wer-backt-welchen-Kuchen-Doodle nicht eingetragen. Flach atmen und totstellen, hab ich gedacht. Und was war: Beleidigte-Leberwurst-Organisatoren, die nochmal per Mail die faule asoziale Gemeinschaft an den Doodle erinnern, und zwar mit fiesen Psychotricks der Sorte: Das soll doch auch für eure Kinder ein schönes Fest werden. Dann noch mehr Mails, in denen man sich mit anderen Asozialen austauscht, ob die sich denn in den Doodle schon eingetragen haben oder nicht. Gruppendynamik und so. Ich frage mich, was anstrengender ist: der Doodle-Dödel zu sein, der sich NICHT einträgt, oder doch lieber Kuchen backen.

Mein Kühlschrank. Den sollte man öfter mal auswischen.
Seit vier Wochen vergesse ich, das feuchte Klopapier zu kaufen. Dafür kaufe ich jede Woche Tomatenmark. Ich koche nie mit Tomatenmark. Aber falls man mal Tomatenmark braucht, habe ich jetzt fünf Stück. Das weiß ich erst seit kurzem und wüsste es schon längst, wenn ich mir ein Zeitfenster für Hygiene im Kühlschrank eingerichtet hätte.
Gut, dass ich gut vernetzt bin und andere immer gut über mich informiert sind. Denn bald klingelt es an der Tür und Fremden soll man nicht öffnen, deshalb brülle ich aus dem Fenster, was er will. Mein Tomatenmark will er sharen, dafür hätte er mir auch wohlduftendes Klopapier mitgebracht. Ist das nicht super?
Ich habe keine Zeitfenster, ich hab Dreckfenster. Die hab ich letztens geputzt, aber dann hat das Nudelwasser die Scheibe beschlagen und meine Jungs haben Penisse draufgemalt. Und ich sag noch: keine Penisse auf Scheiben malen! Jetzt verschiebe ich einfach mein Fensterputz-Post-it wieder eine Einheit nach links. Oder muss man das in dem Fall nach rechts schieben?

Therapeut: (Setzt zur Antwort an)

Patient: Ich fühle mich, als hätte ich Kaugummi am Schuh: Bürgerbüro, Finanzamt, Kieferorthopäde, Reifenwechsel, Zahnpflege, Beziehungspflege und wann muss der gelbe Sack eigentlich raus. Und ich kann Ihnen sagen, wann der raus muss: immer gestern. Das Einzige, wofür ich mir noch keinen Termin einrichten muss, ist Beckenbodengymnastik. Aber auch da ist die Inkontinenz vorprogrammiert, wenn man nicht rechtzeitig damit anfängt.
Und soll ich Ihnen noch was sagen: Gestern habe ich mich hingelegt, mein Buch aufgeschlagen, das Licht ausgemacht und angefangen zu lesen. Ich habe erst nach etwa sechs Sekunden gemerkt, dass ich gar nicht lese, weil es ja dunkel ist.
Ich habe rekonstruiert, dass ich scheinbar lesen wollte, weil mein Kopf auf den Ellbogen gestützt war und ein Buch darunter lag. Aber wenigstens hab ich den Magnet rechtzeitig auf „du mich auch“ gestellt.


Therapeut: Sie projizieren ziemlich viel auf so einen kleinen Magnet.

Patient: Ich projiziere gar nichts.

Therapeut: Liebe Frau Walkenfort, leider ist unsere Zeit für heute zu Ende, aber ich würde vorschlagen, wir vereinbaren einen neuen T e r m i n ...

(Therapeut und Patient haben sich in den folgenden Terminen einen Prioritätenplan erarbeitet, der das Stress-Zeit-Kontinuum des Patienten entlasten soll. Des weiteren wurde durch Inanspruchnahme regelmäßiger Realitätsprüfungen die Magnetsituation entschärft, da der Aufwand definitiv nicht im Verhältnis zur psychischen Belastung steht. Besonders gute Fortschritte macht der Patient mit der Methode der positiven Visualisierung: Häpi Spongebob hüpft hurtig zur Arbeit und ruft „ich bin bereit, ich bin bereit“.) 





AUTORIN \ Stefanie Walkenfort